Über Wasser und Wasservögel

Reinhard Schmitz-Scherzer
 

Die Vorstellung, die Erde sei eher ein Planet des Wassers als ein Himmelskörper mit fester Oberfläche, scheint vielen Menschen fremd zu sein. Doch ungefähr 70 Prozent der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt: Süsswasser, Salzwasser und deren Mischungen sowie das Brackwasser sind dabei die wichtigsten Wasserarten (vielleicht neben dem Grundwasser). Aber Wasser ist nicht nur in flüssigem Zustand auf der Erde anzutreffen, sondern auch in Form von Eis z. B. in den Polargebieten und in den Gletschern der Hochgebirge sowie als Wasserdampf in der Atmosphäre. Im gesamten Eis auf der Erde und im Wasserdampf der Atmosphäre sind riesige Mengen Wasser gespeichert. Würde dieses Wasser frei werden, stiegen die Wasserspiegel der Meere um mehr als 50 Meter an. Dabei würde ein grosser Teil bewohnten Landes überflutet.
 

Aggregatzustände

Wasser ist stets in Bewegung. Vom flüssigen Zustand wechselt es zum Wasserdampf, aus dem flüssigen Zustand kann es auch zu Eis und wieder zu einer Flüssigkeit und danach gar erneut zu einem gasförmigen Zustand in Form von Wasserdampf werden. Die unterschiedlichen Konzentrationen von Salz und Wärme an der Oberfläche und in der Tiefe der Meere streben stets zu einem Ausgleich und bilden dabei nicht selten grosse Ströme wie z. B. den Golfstrom, den Humboldtstrom und andere. Zudem durchmischen Winde und Stürme oft im Verein mit Ebbe und Flut die Wassermassen der Meere, Flüsse und Seen. Nichts ist statisch, selbst im stillsten See laufen unterschiedliche Prozesse, die die Charakteristika des Wassers z. T. erheblich verändern, ab.

Ohne Wasser gibt es kein Leben. Das Leben kam – glauben wir der Wissenschaft - aus dem Wasser. Die ersten Formen von Leben haben sich im Wasser entwickelt, und die ersten komplexeren Lebewesen scheinen im Wasser gelebt zu haben. Alles Leben hat tiefe Bindungen an das Wasser!
 

Belebtes Wasser

So nimmt es auch nicht Wunder, dass die Meere, Seen und Flüsse in allen Tiefen und bei nahezu jeder Temperatur die Lebensräume von vielen Lebewesen darstellen, dass selbst im Schnee und im Eis der Pole und im tiefsten Meer in mehreren tausend Metern Tiefe Lebewesen anzutreffen sind. Jede Tierklasse besitzt Vertreter, die im Wasser leben.

Für die Fische ist diese Feststellung bekannt und klar, obwohl einige von ihnen für eine meist kurze Zeit auch an der Luft auf dem Lande überleben können. Auch die Insekten, die Reptilien und Amphibien sowie die Säugetiere stellen Vertreter, die im Wasser der Meere, Seen, Bäche und Flüsse leben.

Eine besondere Gruppe stellen dabei die Vögel dar. Neben den Vögeln, die ausschliesslich auf dem Lande leben, gibt es solche, die an den Küsten der Meere und Seen sowie den Ufern der Flüsse leben. Küsten und Ufer stellen als Grenzen zwischen Land und Meer oft den Lebensraum dar, der diesen Vögeln – und nicht nur ihnen - alles bietet, was sie benötigen: Nahrung im Meer sowie Schutz und Brutplätze an Land.
 

Macht des Lebens

Wer einmal in der Arktis eine Vogelkolonie nistend an Felswänden beobachtet und wer einmal in der Antarktis eine Pinguinkolonie besucht hat, weiss davon zu berichten, dass man dort vor lauter Vogelgeschrei sein eigenes Wort nicht mehr hört und in einer Pinguinkolonie die verwesenden toten Tiere und die Exkremente der Lebenden über Meilen hinweg riechen kann. Diese Eindrücke eines geballten Lebens jenseits aller romantischen Vorstellungen bleiben in der Erinnerung der meisten Beobachter ein Leben lang haften. Sie zeugen von der grossen Macht und Anpassungsfähigkeit des Lebens!

Solche Erlebnisse vermitteln aber auch einen tiefen Eindruck von der grossen Fruchtbarkeit der Meere, die Nahrung für viele Millionen unterschiedlichster Tiere, Algen sowie für einige Pflanzen und eben auch für die Vögel bereitstellen. Schliesslich hat man schon Vogelkolonien von 30000 und bedeutend mehr einzelnen Tieren gesehen. Diese müssen sich ernähren und holen Tonnen von Fisch täglich aus dem Meer.

Natürlich sind die Vögel an ihre jeweiligen Lebensräume gut angepasst. Eine besonders gute Isolierung ihres Körpers lässt sie die Temperaturunterschiede leicht ertragen und ermöglicht ihnen das für den Fang der Beute meist notwendige und manchmal recht tiefe Hinabtauchen in das Wasser (sowie oft auch ein geschicktes Schwimmen an der Wasseroberfläche und unter Wasser) und nach der Jagd den Rückflug zum Nistplatz. Fliegen ist nur mit trockenem Gefieder möglich.

Aber kein Vogel lebt nur im Wasser. Immer müssen sie das Land oder doch zumindest die Schilf- und Mangrovenzonen im flachen Wasser mancher Küsten aufsuchen, um entweder Schutz zu finden oder zu brüten.

So z. B. der bis zu 40 m tief tauchende heimische Haubentaucher, der sich ein schwimmendes Nest im oder nahe am Schilfgürtel im flachen Wasser unserer Seen baut und den man selten auf dem Lande sieht. Oder die Schwäne, die zwar bei der Nahrungssuche auch auf dem Lande anzutreffen sind und die durchaus auch ihr Nest auf Land bauen können, aber dennoch den grössten Teil ihres Lebens im Wasser verbringen (Bild: Schwan in Abwehrhaltung auf dem Nest). Sie sind neben einigen Enten- und Gänsearten sowie den Blässhühnern die wohl bekanntesten Vertreter unserer Wasservögel in Mitteleuropa.
 

Eisvogel

Auch der kleine und scheue Eisvogel, der in Erdröhren am Ufer einiger unserer Flüsse und Bäche brütet, gehört zu den Wasservögeln. Er wird wegen seines bunten Gefieders nicht umsonst „fliegender Edelstein“ genannt. In rasantem Sturzflug holt er zu seiner Ernährung kleine Fische und manchmal auch Wasserinsekten aus dem Wasser.

An den Meeresküsten finden wir zahlreiche weitere Wasservögel. Viele von uns kennen ein paar Möwenarten, wie z. B die Lachmöwen, die Silber- und Heringsmöwen (Bilder: Heringsmöwe sowie Gelege der Heringsmöwe mit einem frisch geschlüpften Küken), aber vielleicht auch den Austernfischer, der besonders gerne an der Wasserlinie auf der Suche nach Nahrung patrouilliert (Bild: Schwarze Austernfischer).

Manche der Wasservögel sind ausgezeichnete Flieger, andere sind flugunfähig geworden und völlig dem Lebensraum Wasser angepasst.
 

Seeschwalbe

Aber wer von uns weiss etwas von einer arktischen Seeschwalbe, die einmal im Jahr den weiten Weg von der Arktis, wo sie brütet, in die Antarktis zur Überwinterung und zurück fliegt (ca. 35000 km)? Oder einer Küstenseeschwalbe, die gut 20000 Kilometer auf ihrem Zug bewältigt und einer anderen, die jährlich den Pazifik umrundet? Auch ist nur wenigen bekannt, dass manche Albatrossarten einige Jahre auf See verbringen, bevor sie zum Brüten an den Ort zurückkehren, wo sie geboren wurden – nach einem Flug von vielen Tausend Kilometern Länge. Dabei haben diese Tiere eine besondere Flugtechnik unter Ausnutzung der unterschiedlich starken Winde in verschiedenen Höhen über dem Wasser entwickelt: den dynamischen Segelflug.

Pinguine leben in ihrem Lebenszyklus 85 Prozent ihrer Zeit im Meer auf der Suche nach Nahrung. Dabei benutzen sie beim Tauchen ihre kurzen Flügel, als würden sie schwimmen. Der Kaiserpinguin vermag übrigens bis zu 265 Meter und wahrscheinlich noch viel tiefer zu tauchen und kann dabei fast 20 Minuten unter Wasser bleiben (zum Vergleich die Zahlen für den Pottwal: Tauchtiefe ist fast 1200 Meter bei einer Tauchdauer von bis zu 75 Minuten). Schliesslich gehen sie gut genährt – manche Arten mehr als 100 Kilometer weit - über vereiste, z. T. steile Klippen - an Land zu ihren Balz- und Brutplätzen.
 

Silberalk

Ein Vogel aber hat wie kein anderer seine Verbindung zum Land extrem gelockert, der Silberalk. Er fliegt wirklich nur an Land, um ein einziges Ei zu legen und verlässt den Brutplatz, sobald das Küken geschlüpft ist. Dieses folgt den Elterntieren auf See und entwickelt sich dort zum erwachsenen Tier.

Man sieht schon an dieser kleinen Skizze, dass das Leben der Wasservögel sehr verschieden ist. Es ist mindestens so vielgestaltig wie das der Landvögel, vielleicht sogar noch unterschiedlicher, da viele das Wasser als zusätzlichen Lebensraum gewonnen haben.