Das Ei als Symbol in der Geschichte der Menschheit - eine Skizze
R. Schmitz - Scherzer
Prolog
Als mein Freund Luigi, ein Missionar, im bolivianischen Hochland, das Gebet im
Kreise der Indios beendet hatte, schenkte ihm eine der Frauen zwei Eier.
Joseph, der Bergbauer, wirft jedes Frühjahr das erste von seinen Hennen gelegte Ei über das Dach seines Hauses. So fühlt er sich vor Gewitter und Blitz geschützt und Karl, der Freund, der Hühner züchtet, schwört, dass Eier, die am Karfreitag gelegt wurden, nicht nur sehr lange haltbar bleiben, sondern zudem auch noch für den Erhalt der Gesundheit wertvoll sind.
Ein eiförmiger Stein lag schon lange in der Mauernische über der Eingangstür des Hauses, sicher länger, als ich dessen Bewohner besuchte. Einst hatte ihn der Urgrossvater dorthin gelegt, um auf diese Weise das Haus vor Unwettern und Blitzschlag zu schützen.
Aquamatrix, die Licht- und Musikshow an der Weltausstellung (Expo 1998) in Lissabon, zierte ein riesiges Ei in blassrotem Glanz.
Auch heute noch ist das Symbol
des Eis offensichtlich bedeutsam. Nicht zuletzt ist dies auch erkennbar an der
Verwendung des Eimotivs in der modernen Malerei etwa bei Stenvert und Magritte,
aber auch an dem umfassenden Brauchtum zu Ostern, in dem das Ei als Symbol seit
Jahrhunderten eine überragende Rolle spielt.
Einleitung
Das Ei gehört nicht nur zu den ersten Nahrungsmitteln des Menschen. Viele Beispiele liessen sich finden, die darauf hinweisen, dass das Ei darüber hinaus ein Symbol seit Anbeginn der Menschheit ist und als solches generell für Leben und Fruchtbarkeit steht.
Näher besehen ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Zu den ersten Wahrnehmungen des frühen Menschen, zu der Zeit also, als er sich der eigenen Person und seiner Umwelt langsam bewusst wurde, gehörte sicherlich auch die der Formen der Kugel und des Eis, des Kreises und des Ovals. Diesen Formen begegnete sein aufmerksamer Blick schliesslich überall in der Natur: z. B. im Anblick von Sonne und Mond, von geschliffenen Flusskieseln und nicht zuletzt von Vogeleiern. Formen wie Kugel und Ei (und sicherlich auch andere) wurden alsdann mit Bedeutungen "geladen". Diese Bedeutungen stellten Beziehungen zu dem für die ersten Menschen Unerklärlichen und Unbegreiflichen, zum Transzendenten, jedenfalls zum "Übermenschlichen" her. Dies geschah wahrscheinlich sehr früh in Bezug auf das Ei, da doch aus ihm - für die ersten Menschen unerklärlich und deshalb ein "Wunder" - Leben schlüpfte.
Aber auch in den Sprachen der Alten tauchte das Ei (wie übrigens auch die Taube, der Strauss und der Rabe) bei vielen Sprachbildern, Sprichworten etc. immer wieder auf. Entsprechend zu interpretieren ist auch die Erwähnung des Eis in der Bibel, vor allem im Alten Testament: "Meine Hand hat gefunden den Reichtum der Welt wie ein Vogelnest, und ich habe alle Länder zusammengerafft, wie man Eier sucht, die verlassen sind..." (Jes. 10,14) und alleine weitere zweimal bei Jesaija (Jes.34,15; Jes. 59,10), aber auch bei Hiob (39,14) und bei Mose (22,6).
Auch im heutigen Sprachschatz haben sich im Deutschen - und nicht nur dort - zahlreiche auf das Ei bezogene Sprachbilder erhalten: Ist jemand reich, besitzt er viele Eier, doch ist jemand arm, muss er für ein Ei und ein Butterbrot oder für einen Apfel und ein Ei arbeiten. Über ungelegte Eier soll man sich einem anderen Spruch gemäss nicht den Kopf zerbrechen und wenn man sich sehr gut angezogen hat, werden andere nicht selten sagen, man sei aus dem Ei gepellt. Das Gelbe vom Ei, Eierkopf und auf Eiern gehen wären weitere Sprachbilder und sicherlich ist diese Aufzählung nicht vollständig.
So wurde die Form des Eis schliesslich zu einem Symbol: sie stand für etwas anderes, als sie der Form nach darstellten. Sie war neben einem Ei in der materiellen Welt der Natur auch noch zu einem Symbol geworden.
Eisymbole traten und treten im
Brauchtum aller Völker in allen Erdregionen und zu jeder Zeit auf. Und nicht nur
im jeweiligen Brauchtum. Auch die Schöpfungsgeschichten, wie sie in den Mythen
und Legenden aber auch in den Religionen vieler Völker überliefert sind, weisen
das Motiv des Eis auf. Diese weite Verbreitung des Symbols des Eis lässt auf die
archetypische Qualität dieses Symbols schliessen, da es wohl allen Menschen mehr
oder weniger, bewusst oder verdrängt und vergessen, besitzen oder doch zumindest
besassen.
Das Ei als Symbol in Schöpfungsgeschichten
Nach einigen alten Vorstellungen der Inder ist die Welt aus einem Ur - Ei, welches auf den Ur - Wassern trieb und Himmel und Erde in sich barg, entstanden. Dieses Ur - Ei spaltete sich und liess auf diese Weise Himmel und Erde und aus seinem Inneren Wolken, Gewässer und Berge entstehen. (Verblüffend ähnlich wird die Entstehung des Universums in der Kalevala, dem mythischen Urlied der Finnen, beschrieben). Andere Quellen berichten, dass Brahma, der Urerzeuger der Welt, dem goldenen Ur - Ei entstiegen und auf diese Weise in die Welt gekommen sei. Das Ur - Ei kommt in den mythischen und heiligen Schriften der Hindus oft vor und noch heute symbolisiert eine Stupa in Nepal dieses Ur - Ei im Zusammenhang mit der Weltschöpfung.
Ein altägyptischer Mythos erzählt von dem riesigen Ei, welches der Erdgott Geb und die Himmelsgöttin Nut geschaffen haben und aus dem später das Universum hervorgegangen sei. Auch Phönix, der Sonnenvogel, der sein Nest und sich verbrannte, ging aus diesem Ei hervor. Nur ein Ei blieb erhalten, aus dem dann wieder ein neuer Phönix schlüpfte. Später entliehen dann offensichtlich die Phönizier diesen Mythos von den Ägyptern. Auch die Religion des Zoroaster im alten Persien kennt das Eimotiv.
Dieses Motiv der Entstehung der Welt aus einem Ei findet sich aber auch in den kosmogonischen Mythen zahlreicher anderer Völker wie z. B. bei den alten Griechen und Römern, bei Japanern und Polynesiern - um nur einige Völker zu nennen.
In "Die Vögel" von Aristophanes wird auf diesen Mythos ironisch auf Hesiods Theogonie anspielend Bezug genenommen, wenn es heisst:
......in Dunkelheit ein Ei,
vom wirbelnden Winde geschwängert,
wurde es von der dunklen Nacht gelegt
aus jenem Ei......entsprang Liebe...
Es nimmt nach dem Gesagten nicht
Wunder, dass der oft verwendete Ausdruck "ab ovo" (wörtlich übersetzt: vom Ei
an..) in seiner freien Übersetzung mit "von Anfang an" seit der Antike durch die
gesamte abendländische Literatur geistert und zum geflügelten Wort wurde.
Die Geburt von Helden und Göttern aus dem Ei
Die Geburt von Helden und Göttern aus dem Ei wird in vielen Mythen und Märchen berichtet. So wird z. B. in Südkorea von der Geburt eines Babys aus einem Ei berichtet, welches erwachsen zum Führer aller Stämme wurde. Im alten Ägypten dachte man sich die "Geburt" des ersten Gottes (einer anderen Version des Sonnengottes) als ein Schlüpfen aus einem tief im Sumpf verborgenen Ur - Ei (Lurker 1991). Das gleiche Motiv findet sich in zahlreichen Varianten in vielen anderen Kulturen u. a. in Polynesien, in China und in Russland.
Jedenfalls - und auch etwas allgemeiner formuliert - steht das Ei oft für den Anfang oder den Beginn einer Entwicklung schlechthin. So etwa das Schwanen - Ei, welches die mythische Königin Leda dem Zeuss gelegt hatte als sie schwanger war und aus dem, da es ein Zwillingsei war, Helena und Polydeukes (nach manchen Quellen auch noch Kastor) schlüpften.
Von Astarte, Leda, Aphrodite,
Venus und auch vom estnischen "Eiersohn" werden Eigeburten (freilich oft auch
neben anderen Geburtsschilderungen) berichtet und die syrische Venus Anadyomene
soll aus einem Ei, welches aus dem Himmel in den Euphrat fiel und von einigen
Fischern geborgen und an Land gebracht wurde, von Tauben erbrütet worden sein.
Das Symbol des Eis in der christlichen Allegorik
Augustinus deutete das Ei als
Symbol der Hoffnung und damit auch als ein solches für Christi Geburt und
Auferstehung. In der Bibel selbst kommt das Ei nur zweimal und dann in anderen
Zusammenhängen vor. So bei Hiob 39, 13 - 19, wo das Straussenei erwähnt wird,
aber nur - da es ohne Schutz auf die Erde gelegt wird - als Beispielt mangelnder
elterlicher Fürsorge und bei Lukas 11, 12 in einem ähnlichen Zusammenhang.
Das Straussen - Ei spielt dann auch in der christlichen Allegorik eine grosse
Rolle. Dies wird nicht nur in koptischen Kirchen heute noch deutlich, in denen
oft zwischen Lampen Strausseneier als Symbole des Auges Gottes aufgehängt
werden. Auch in der Ikonographie der Renaissance fand sich das Ei als Motiv. Auf
Marienbildern weist es auf die Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist, wie
z. B. auf einem Altarbild von S. Zeno in Verona, hin.
Auch auf Bildern von Hiieronymus
Bosch und einigen Arbeiten der Breughels finden sich Eier. Im Barock bleibt das
Ei ebenfalls als Symbol und Zeichen beliebt.
Das Symbol des Eis im Brauchtum
Verschiedene auf das Ei als Symbol bezogene Gebräuche und Erzählmotive finden sich in europäischen und aussereuropäischen Kulturen häufig: Zauber - Eier, goldene oder silberne Eier mit einer besonderen Funktion des Schutzes oder eines Zaubers, Besonderheiten eines Hahneneis im Zusammenhang mit Machenschaften des Teufels aber auch als Zauber - Ei, das Ei als Medizin, und als Requisit bei Frühlings- und Fruchtbarkeitszeremonien, als Speise- oder Bauopfer und als Orakelrequisit, sowie als Talisman und Glücksbringer - um nur die häufigsten zu nennen.
Im Totenkult findet sich dass Ei als Symbol für ein ewiges Leben oder ein Weiterleben im Jenseits schon sehr früh. Eischalen wurden als Grabbeigaben schon vor mehr als 4000 Jahren in die Gräber gelegt.
Auch bei den alten Ägyptern finden sich Verbindungen zwischen dem Brauchtum bei Bestattungen und dem symbolträchtgen Ei. So nannten sie die innere, die Mumie umschliessende Sarghülle, " Ei " und auch das ägyptische Henkelkreuz soll ein Ei darstellen.
Gefärbte Eier lassen sich bereits im 10. / 11. Jahrhundert in Osteuropa als Grabbeilagen besonders in Kindergräbern nachweisen.
Bachofen hat uns zu dieser Thematik viele Gedanken in seinem "Versuch über die Gräbersymbolik der Alten" hinterlassen (1859). Bei seiner Interpretation eines Grabgemäldes in der Villa Pamfilia in Rom beschäftigt er sich mit den dort abgebildeten Mysterieneiern. Diese sind der Länge nach in eine rote und eine weisse Hälfte geteilt. Bachofen stellt fest, dass das Ei zwar Träger zahlreicher symbolischer Bedeutungen ist, vor allem aber Leben und Tod, Werden und Vergehen symbolisiert. Entsprechend meint er, dass die Eier auf dem Bild auf den bacchischen Aspekt und damit auf den mütterlichen Urgrund hinweisen.
Vor allem aber im Osterbrauchtum spielt das Ei eine grosse Rolle. Überkommen aus alten vorchristlichem Brauchtum wie etwa den Frühlingsfesten der Römer aber auch aus Gebräuchen der Phönizier und Hebräer stellt die Rolle des Eis im christlichen Osterfest einen kulturell gewachsenen Kompromiss dar, an dem zusätzlich das z. T. noch heute lebendige Brauchtum bäuerlicher Gesellschaften aus dem vorchristlichen Europa eingeflossen ist (Harlacher 1979).
Möglicherweise haben aber auch die Kreuzritter Gebräuche aus dem Orient mit nach Europa gebracht, die darin bestanden, dass man sich zu Frühlingsbeginn bunt verzierte Eier schenkte ( was man nachweislich bereits vor 3000 oder 4000 Jahren in einigen Gegenden ebenfalls in China tat ). Auch dieser " Symbolimport " dürfte dann in das christliche Osterbrauchtum Eingang gefunden haben.
Die vielen Quellen des Osterbrauchtums erschweren die Herausarbeitung von Gründen für bestimmte Gebräuche. So ist z. B. seit dem 16. Jahrhundert zwar der Brauch des Eierschenkens zur Osterzeit belegt. Aber warum gerade Eier? Weil sie ursprünglich als Frühlingsopfer dienten? Oder weil der Pachtzins in Form von Eiern gerade zu jener Zeit fällig war? Oder war es das Verbot der Kirche, während der Fastenzeit Eier zu essen? Wir wissen es nicht und vielleicht haben alle die erwähnten Gründe noch neben einigen anderen zusätzlich gemeinsam zur Konstituierung dieser Gebräuche beigetragen.
Ostereier - dieser Name taucht erst im 17. Jahrhundert auf - werden schon seit dem 13. Jahrhundert bemalt. Dabei spielte die Farbe mit ihrer Symbolkraft eine grosse Rolle. So hatte z. B. der, der am Ostersonntag als erster ein blaues Ei fand, eine auf ihn zukommende Pechsträhne zu erwarten, während die Farbe Rot Schutz, Stärke und Zauberkraft verlieh. Gelbe Eier sagten den Neid der Mitmenschen voraus.
Auch die Schalen von Ostereiern bargen Kräfte. Auf den Boden oder den Acker gestreut, manchmal auch an den vier Ecken des Grundstücks vergraben, spendeten sie Schutz vor Insekten und Würmern, in den Teich geworfen verhinderten sie das lautstarke Quaken der Frösche, Kröten und Unken.
Nicht selten haben sich nicht auf Ostern bezogene und - wie schon angemerkt - vorchristliche auf das Ei als Lebenssymbol bezogene Gebräuche mit dem Osterbrauchtum vermengt. Fast wie ein Fixpunkt wirkte daher das Osterbrauchtum indem es viele andere Gebräuche aufsog.
So wurde und wird gesagt, dass am Karfreitag gelegte Eier nicht nur sehr gesund seien, sondern auch gegen manche Krankheiten helfen und überhaupt niemals oder doch zumindest ein Jahr lang nicht faulen.
In diesem Zusammenhang muss auch das Wettessen von Ostereiern erwähnt werden. Da Eier und besonders Ostereier sehr gesund (und potenzsteigernd) waren, lag es auf der Hand, dass man möglichst viele Eier - wenn man es sich leisten konnte - ass. Später wuchsen dann Formen des Wettessens, in denen der zum Sieger erklärt wurde, der am meisten Eier essen konnte, daraus hervor.
Doch das Ei ist nicht nur seit alters her ein wichtiges und häufiges Symbol im Brauchtum der europäischen Kulturen. Auch in Chinas Brauchtum ist das Ei Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit wie in Europa. In manchen Gegenden lässt man bei Hochzeiten Eier über die Brust und den Schoss der Braut rollen, in anderen Gegenden sind bemalte Eier als Hochzeitgeschenk beliebt. In einer anderen Region in China bekommt die Mutter nach der Geburt eines Kindes Rührei und zu Neujahr schenkt man sich rot gefärbte Eier.
Übrigens gibt es dort auch die
Vorstellung, dass der Himmel das Ei Erde bebrütet oder in einer anderen
mythischen Erzählung wird der Himmel als eine Eischale, in der die Erde wie ein
Eigelb auf flüssiger Masse schwebt, aufgefasst. Bei verschiedenen Minderheiten
in Südchina existiert das Eiorakel, bei dem man aus den Formen von Eiweiss und
Eigelb bei zuvor bemalten und danach gekochten Eiern die Zukunft vorherzusagen
trachtet.
Abschliessende Bemerkung
Das Ei ist eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Symbole und deshalb sicherlich archetypisch zu nennen. Bei den meisten Völkern und in den meisten Kulturen findet es sich in diesen oder jenen Zusammenhängen, immer Fruchtbarkeit, Leben und Weiterleben und überhaupt einen Anfang symbolisierend.
So wird dann auch klar, warum der im Prolog erwähnte Missionar Luigi Eier geschenkt bekam, warum das Ei dort als besonders gesund und auch als Gegenzauber wichtig war und ist.
Literatur
Bächtold - Stäubli, H. und E. Hoffmann - Krayer ( Hrsg. ) : Handwörterbuch des
Deutschen Aberglaubens, Bd. 2, Stichwort Ei. Walter de Gruyter, Berlin - New
York 1987
Harlacher, W. M. : Das Ei vom Himmelfahrtstag. In: Esotera, 30, Jahrg., Nr. 11,
996 - 1018, 1979
Lurker, M. : Wörterbuch der Symbolik. Kröner Verlag, Stuttgart 1991