Die Eier der Hühnervögel der Welt - ein Versuch einer statistischen Bearbeitung
R. Schmitz - Scherzer
1. Einleitung
Vogeleier rufen nicht selten bei vielen Naturbetrachtern eine besondere
Faszination hervor. Nicht nur, dass sie in ihrer physischen Gegenwärtigkeit,
ihrer Form und ihrer Färbung einen besonderen ästhetischen Genus vermitteln
können, auch stellen sie unter biologischen Gesichtspunkten ein Wunderwerk in
ihrem Aufbau und ihrer Funktion dar und stehen schliesslich als Symbol für das
Leben schlechthin. Also Gründe genug für eine nähere Beschäftigung.
2. Fragestellung
Die hier zu bearbeitende Fragestellung ist vor allem eine deskriptive. Es soll
die Vielfalt der Eier der Hühnervögel der Welt auf der Grundlage der hier
erhobenen Masse beschrieben und zum anderen untersucht werden, ob die
Charakteristika der in der vorliegenden Arbeit erfassten Eier mit solchen der
Vögel, ihrer Körper und ihres Verhaltens Zusammenhänge bzw. Korrelationen
zeigen.
3. Die erhobenen Masse und
ihre Operationalisierung
In der Oologie sind verschiedene Masse der Vogeleier im Gebrauch. In der
vorliegenden Analyse sollen folgende von ihnen zur Anwendung gelangen: die
gemessene grösste Längsachse oder Längenausdehnung in Millimeter, die grösste
Breitenachse oder der längste Querdurchmesser eines Eis - ebenfalls in
Millimeter - das Gewicht des frischen Eis in gr., neben der Oberfläche in cm2
und dem Volumen in cm3 - vermittels verschiedener Formeln berechenbar - und
weiteren Indices, die als Quotient k aus der Längsachse und der Breitenachse und
als relatives Eigewicht aus der Formel 100 x Eigewicht / Körpergewicht
bezeichnet werden.
Die Masse für die o. g. Werte sowie die Informationen für die
Operationalisierung ( zahlenmässige Umsetzung ) der Eifarben und -formen, der
Brutdauer und der Art des Nestes, sowie des Biotops im Allgemeinen wurden dem
Buch von Raethel über Hühnervögel ( 1988 ) entnommen. Dabei wurde wie folgt
verfahren: für alle Masse wurden entweder die Angaben wie aufgeführt oder wenn
möglich die aufgerundeten Mittelwerte aus den Angaben im Werk von Raethel
übernommen. Natürlich sind diese Festlegungen willkürlich, doch wäre dies bei
jeder anderen Festlegung auch der Fall. Für eine statistische Analyse ist ein
solches Vorgehen durchaus zu vertreten, zumal die Variationen der einzelnen
Masse in der Literatur z. T. beträchtlich schwanken. Wo notwendig und im
Interesse einer möglichst vollständigen Erfassung der hier zur Analyse
gelangenden Daten, wurden weitere Daten auch aus Schönwetter und Meise ( 1968 )
entnommen.
4. Analyseverfahren
Erste Analysen der hier beabsichtigten Art legte der Autor bereits für
Haushühner vor (Schmitz-Scherzer 1997). Auf den dort gemachten Erfahrungen
aufbauend soll auch in der vorliegenden Studie zunächst im Rahmen eines
deskriptiven Ansatzes das Material statistisch beschrieben und danach in einem
korrelativen Versuch nach Zusammenhängen befragt werden.
5. Darstellung der Ergebnisse
5.1. Beschreibung der Eier der
Hühnervögel
5.1.1 Farbe und Färbung
Die Färbung der Eier der insgesamt 228 aus Raethel (a. a. O.) erfassten
Hühnervögel variiert - ohne Berücksichtigung der evtl. vorhandenen Schalenober-
und Schalenunterflecken in Form von farbigen Tupfer, Flecken, Körnungen, Linien,
Punkten etc. - beträchtlich. Insgesamt werden in dem Werk von Raethel 55
verschiedene Farbtöne und Farbvarianten für die Eioberfläche als Grundfärbung
genannt. Bei der Betrachtung dieser Farbpalette muss - wie immer wenn es um
Farben geht - der generell hohe subjektive Anteil bei der Bestimmung und
Benennung von Farben berücksichtigt werden. Er spielt eine grosse Rolle. Doch
durfte sich dieser eher bei der Bestimmung und Benennung der einzelnen Farbtöne
für die Eioberfläche auswirken, weniger dagegen bei der Unterscheidung der schon
genannten insgesamt 55 verschiedenen Farbvarianten.
Die Farbe Weiss ist die häufigste mit 74 Nennungen oder 33 % aller Eier. Aus
dieser Angabe darf aber nicht geschlossen werden, dass es sich immer um "reines"
Weiss handelt. Dies trifft nur bei der Hälfte der als weiss klassifizierten
Eier, nämlich bei 37 Eiern oder 16 % der Gesamtanzahl aller erfassten Eier zu.
In den anderen Fällen wurde Weiss spezifiziert als z. B. Isabellweiss,
Trübweiss, Cremeweiss, Rahmweiss, Gelbweiss etc.. Oft auch sind die Eier nicht
reinweiss, sondern mehr oder weniger gelblich bis bräunlich oder bläulich bis
grünlich getönt. Andererseits verändert sich das "reine" Weiss dieser Vogeleier
auch durch Einflüsse von aussen, wie etwa durch das Modern des Nistmaterials.
Die weissen Eier bei Hühnervögel sind in der Regel schwerer, länger und breiter
als die anderer Grundfärbung. Dennoch, wenn man mit Makatsch (1967) annimmt,
dass weisse Eier eher von entwicklungsgeschichtlich gesehen alten und sehr alten
Arten gelegt werden, müssten eine ganze Reihe von Hühnervögeln als alt in diesem
Sinne angesprochen werden.
Die Farbe Isabell wurde nach Weiss am zweithäufigsten genannt (25 Nennungen oder
11 %), gefolgt von Cremefarben mit 5 % sowie Gelb mit 4 % und Doppelnennungen,
die immer dann angegeben wurden, wenn die Farbe der Eioberfläche verschiedene
Farbtönungen aufweisen konnte, also die Variabilität der Grundfarbe zwischen
verschiedenen Farbtönungen bei einer Art wechseln konnte: z. B. Weiss bis Gelb;
Braun bis Rot; Rot, Isabell und Braun; Gelb bis Braun und Weiss bis Creme mit je
ca. 5 % aller Nennungen. Rot, Grün und Blau kommen bei den Eiern der Hühnervögel
nur vergleichsweise selten vor.
In mehr als der Hälfte aller Fälle (57 %) wurde die Variabilität der
Grundfärbung der Eier als äusserst gering angegeben, in 24 % als mässig und in
17 % als sehr gross. Diese Zahlen machen deutlich, dass die Grundfärbung der
Eioberfläche niemals ein ausreichendes und damit sicheres Merkmal für die
Zuordnung eines Eis zu einer Art ist. Sie kann unterschiedlich ausfallen.
Über 50 % der Eier der Hühnervögel sind farblich nicht weiter gezeichnet und
weisen somit keine weiteren Eizeichnungen oder Oberflächenzeichnungen auf. Die
Eizeichnungen oder Oberflächenzeichnungen der übrigen Eier - knapp 50 % - sind
durch ihre verschiedenen Farben, durch das Vorhandensein von Zeichnungen auf der
Schale (Schalenoberflecken) und solchen, die in die Schale eingebaut sind
(Schalenunterflecken) sowie vor allem durch die unterschiedlichsten Formen
dieser Flecken in ihrer Variabilität schier unerschöpflich. Die Farbe der
Schalenober- und / oder Schalenunterflecken variiert dabei bei den Hühnervögeln
in den unterschiedlichsten Tönungen jedoch vor allem um die Farbe Braun.
Verschiedene Brauntönungen werden genannt: Reinbraun, Schokoladenbraun,
Hellbraun, Rotbraun, Dunkelbraun, Trübbraun, Lehmbraun und Kastanienbraun.
Andere Farben als Braun kommen nur bei ungefähr einem Viertel aller gefleckten
Eier vor und werden vor allem als Tönungen der Farben Rot, Grau und Violett
bestimmt.
Die Oberfläche der Eier weist allerdings noch andere Strukturmerkmale auf:
glatte und raue Schalen, unterschiedliche Anzahlen und Grössen der ohne
Vergrösserungsinstrument sichtbaren Poren, kalkartige Überzüge sowie Körnungen -
nicht selten von weisser Farbe - kommen bei ca. 30 % der Eier vor. 18 % der
erfassten Eier weisen einen Glanz ihrer Oberfläche auf.
5.1.2 Quantitative Masse der
Eier der Hühnervögel
Mit einem Durchschnitt von fast 37 mm für die Eibreite und 51 mm für die Eilänge
haben die Eier der Hühnervögel eine respektable Grösse, auch wenn mit
Standardabweichungen mit 10 bzw. mit 16 mm auf eine grosse Variabilität
schliessen lassen. Die grössten Masse für die Länge lagen bei 109, für die
Breite bei 67 mm, die geringsten bei 25 und 19 mm.
Der Faktor, der das durchschnittliche Verhältnis der grössten Länge zur grössten
Breite eines Eis wiedergibt, beträgt 1.37 bei einer Standardabweichung von .11
und einem Minimum von 1.09 und einem Maximum von 1.79. Die durchschnittliche
Eiform ist demnach wohl eher oval zwischen der lang - und der kurzovaler Form.
Das durchschnittliche Gewicht der für die vorliegende Analyse gesammelten Eier
beträgt 51 gr. - allerdings bei einem Minimum von 8 und einem Maximum von 230
gr.. Deshalb liegt der Modus oder das Dichtemittel auch bei 32 und die
Standardabweichung bei 44 gr..
Die durchschnittliche Eianzahl in einem Gelege, also die durchschnittliche
Gelegegrösse, beträgt fast 7 Eier bei einer Standardabweichung von 4 und die
durchschnittliche Brutdauer ungefähr 26 Tage bei einer Standardabweichung von 9
und einem Minimum von 15 und einem Maximum von 90 Tagen.
Das Volumen schwankt bei einem Mittelwert von 47,9 zwischen 7.5 und 214 cm3, die
Oberfläche zwischen 11 und 103 bei einem Mittelwert von 35,1 cm2 .
Schon diese wenigen und noch recht groben Angaben zeigen die schon erwähnte
unermessliche Verschiedenheit der Eier nach Form, Oberflächenstruktur und Farbe.
Dabei ist es nicht nur so, dass sich die Eier verschiedener Arten voneinander
unterscheiden können, sondern auch die eines Individuums einer Art oder die
verschiedener Individuen einer Art variieren manchmal beträchtlich. So kommt es
durchaus vor, dass sich die Eier verschiedener Arten mehr ähneln, als die einer
Art. Zur Identifikation eines Eis benötigt der Oologe daher nicht selten
vielfältige Messungen, Berechnungen und Farbbestimmungen. Denn "kein Ei gleicht
dem anderen" (Makatsch 1967).
5.2 Korrelate der Wildhuhneier - Tendenzen und gesicherte Zusammenhänge
5.2.1 Die Farbe der Eier und
die Färbung unbefiederter Körperteile
Die Lauf - bzw. die Bein - und Fussfärbung sowie die Schnabelfärbung und die
Farbe der Iris zeigen keine statistisch eindeutig gesicherten und damit auch
deutliche Zusammenhänge mit der Färbung der Eier. Allerdings ist das farbliche
Umfeld der einzelnen Farben nicht uninteressant.
So scheinen z. B. gelbliche und rote Hauptfarbtönungen der Eier häufiger bei den
Hühnervögel anzutreffen zu sein, die rötlich und grau gefärbte Beine als
Grundfärbung zeigen. Überhaupt kommen rote Läufe sehr häufig bei den Vögeln vor,
die Eier mit farbiger Schale mit und ohne Schalenober - und / oder unterflecken
legen. Weiter zeigt sich auch wiederum für die Hühnervögel mit roten Läufen,
dass bei diesen weisse Eier mit Schalenober - und / oder unterflecken am
häufigsten zu finden sind. Rein weisse Eier sind dagegen besonders häufig bei
Vögeln mit grauen Läufen zu finden, kommen aber auch bei solchen mit gelben und
roten Läufen vor. Schon diese Auflistung zeigt das Fehlen systematischer
Zusammenhänge trotz gesicherter und spezifischer statistischer Häufungen.
Bei den Farbtönen des Schnabels sind es dagegen Gelb, Rot und Schwarz, die zu
den Eierfarben Weiss, Gelb und Isabell eine gewisse Affinität im statistischen
Sinne zeigen: weiss, rot, isabell oder bräunlich getönte Eier finden sich bei
den Hühnervögeln am häufigsten, die gelblich, schwarz oder rötlich gefärbte
Schnäbel zeigen. Auch diese Ergebnisse unserer Korrelationsrechnungen ergeben
keinen erkennbaren systematischen Sinn.
Befragt man das Material nach den grössten Häufungen und unterscheidet bei den
Eiern einerseits nur zwischen weisser und farbiger Grundfärbung sowie jeweils
nach dem Vorhandensein von Ober - und / oder Unterschalenflecken, ergibt sich
für gelbschnäblige Vögel eine Häufung von Eiern mit farbiger Grundfärbung sowohl
mit als auch ohne Flecken, für solche mit grauer Schnabelfärbung immer für
gefleckte Eier. Die Schnabelfarben Schwarz und Rot zeigen bei nahezu allen
Farbvarianten der Eier Häufungen. Nur farbige Eier ohne Flecken sind bei
schwarzer, weisse Eier ohne Flecken bei roter Schnabelfarbe relativ selten. Auch
hier also wie schon bei den Färbungen der Läufe ein ähnliches Bild: trotz
statistisch bedeutsamer Zusammenhänge ist hinter den Ergebnissen kein
Systematischer Sinn zu erkennen.
In Bezug auf die Färbung der Iris ist nach den vorliegenden Analysen
festzustellen, dass eine braun und rot getönte Irisfärbung tendenziell eher bei
den Wildhühnern vorkommt, die weisse Eier legen.
Es bleibt demnach festzuhalten, dass erkennbare und systematische sowie
ornithologisch sinnvolle Beziehungen zwischen der Färbung der Eier der
Hühnervögel und der ihrer Beine, Läufe, Füsse sowie der ihrer Schnäbel und ihrer
Iris nicht herausgearbeitet werden konnten.
5.2.2
Weitere korrelative Befunde
Wo die Farben Weiss, Gelb, Rahmfarben und Braun bei den Eiern als
Oberfächenfarben in ihren verschiedensten Tönungen eine Rolle spielen, kommen
auch eher solche mit Schalenober - und / oder Schalenunterflecken vor.
Betrachtet man die Eier mit Schalenober- und Schalenunterflecken und vergleicht
sie mit jenen, die entsprechende Zeichnungen nicht aufweisen, fallen tendenziell
zunächst einige Mittelwertsunterschiede auf: Eier mit Oberflächenzeichnungen
sind durchschnittlich leichter, kürzer und schmaler als jene ohne
Oberflächenzeichnungen, die eine vergleichsweise längere Brutdauer bei fast
gleich grosser durchschnittlicher Gelegegrösse aufweisen. Die Tiere, die keine
Eier Oberflächenzeichnungen legen, haben etwas geringere Flügelmasse aber eine
grössere Gesamt- und Schwanzlänge, sie sind vergleichsweise etwas leichter und
das Eigewicht nimmt prozentual einen grösseren Wert bezogen auf ihr
Körpergewichtes an. Ihre Eier sind zudem etwas langgestreckter als die, die eine
Oberflächenzeichnung zeigen.
Einen gesicherten Zusammenhang im statistischen Sinn ( vermittels des Kruskal
und Wallis Tests ) stellt die Beziehung zwischen dem Gewicht der Hennen und
Oberflächenzeichnungen der Eier dar: ein vergleichsweise grösseres Gewicht
findet sich bei den Hennen, die Eier ohne Oberflächenzeichnung legen. Zudem sind
jene Eier langgestreckter und besitzen häufiger eine glänzende Oberfläche als
die mit Oberflächenzeichnungen.
Eier mit Glanz liegen tendenziell in vergleichsweise grösseren Gelegen und
weisen einen grösseren Wert für das Verhältnis des Gewichts der Hennen zu dem
ihrer Eier auf ( Gewicht der Hennen / Eigewicht ). In ihrer Form sind sie eher
kurzoval. Eier ohne Glanz sind dagegen tendenziell vergleichsweise länger,
breiter, schwerer und weisen häufiger Schalenunter- und / oder
Schalenoberflecken auf. Sie benötigen zudem eine längere Brutdauer. Die Hennen,
die Eier ohne Glanz legen, sind vergleichsweise auch von einem schwereren
Körperbau und verfügen damit auch über eine grössere Körperlänge sowie grössere
Flügel- und Schwanzmasse.
Statistisch konnten mit dem bereits genannten Verfahren die Zusammenhänge
zwischen einem Vorhandensein von Eiglanz und einem grösseren Gelege, sowie die
eher breiteren und längeren Eier unter denen ohne Eiglanz gesichert werden.
Dividiert man die grösste Breite eines Eis durch dessen grösste Länge, so ergibt
sich ein Verhältnismass, welches vor allem mit den Körpermassen der Hennen
Beziehungen aufweist: je grösser dieses Verhältnismass, je schwerer und je
länger die Henne, je länger auch ihre Flügel- und Schwanzmasse. Diese
Korrelationen weisen darauf hin, dass die Form des Beckens einer Henne mit der
Eiform in Beziehung steht. Langgestreckte Becken finden sich bei den Hennen, die
eher längsovale Eier legen.
Darüber hinaus zeigen die Eier mit einem hohen diesbezüglichen Verhältnismass
auch eine längere Brutdauer bei einem höheren Eigewicht.
Die Grösse des Geleges geht verschiedene signifikante Beziehungen mit anderen
Massen ein: je grösser das Gelege, je länger die Brutdauer der einzelnen Eier
und je grösser das Eigewicht, je grösser auch das Verhältnis des Eigewichts zum
Gewicht der Henne. Dies trifft auch für das relative Gewicht der Eier in Bezug
zum Körpergewicht der Henne in Prozent zu, sowie für das Volumen und die
Oberfläche der Eier.
Die Brutdauer ist desto länger - auch dies wird durch eine statistische
Signifikanz gesichert - je grösser und schwerer die Henne ist, je länger und
breiter das Ei ist, je mehr es wiegt und je langgestreckter die Eier sind. Je
höher das absolute und relative Gewicht des Eis in Bezug zum Gewicht der Henne
ist und je grösser sein Volumen und seine Oberfläche sind, je länger ist die
Brutdauer.
6. Abschliessende
Interpretation und Zusammenfassung der Befunde
Weshalb bei den Eiern der Hühnervögel gerade die Farbe Weiss so häufig ist, wie
in dieser Studie herausgearbeitet, verwundert etwas, da sie bei diesen Vögeln,
die zumeist Bodenbrüter sind und oft sehr einfache Nester bauen, zumindest dann
keine sehr gute Tarnung darstellt, wenn beim Nestbau nicht besonders auf Tarnung
geachtet wird oder die Eier beim Verlassen des Nestes nicht zugedeckt werden.
Oft findet sich nämlich die Farbe Weiss bei den Eiern der Vögel, die in Höhlen
oder Halbhöhlen brüten und jenen, die kaum Feinde haben (Makatsch 1967 ).
Die gleiche Problematik stellt sich bei dem Eiglanz, der immerhin bei 18 % der
Eier auftritt. Eher würde man unter dem Gesichtspunkt der Tarnung eine matte
Oberfläche erwarten. Statt dessen verstärkt sich dieser Widerspruch noch
dadurch, dass viele Eier mit Glanz einerseits in eher grossen Gelegen liegen,
andererseits aber eher kürzer und schmaler sind als solche ohne Eiglanz. Auch
dies widerspricht dem Versuch, den Tarnungsgedanken zur Erklärung heranzuziehen.
Der biologische Sinn des Eiglanzes bei Hühnervögeln bleibt somit unklar, ähnlich
unklar wie der des schon angesprochenen Vorhandenseins von verhältnismässig
vielen Eiern von weisser Farbe.
Da scheint die Frage nach den Gründen einer bestimmten Form der Eier schon eher
beantwortbar. Sie scheint, wie Makatsch (1967) vermutet, u. a. mit der Form des
Beckens der Hennen zusammenzuhängen. Jedenfalls deutet die von uns gefundene
Korrelation in die gleiche Richtung: die Eier sind desto mehr längsoval, desto
länger der Körper der Hennen und damit oft auch ihr Becken ist.
Daneben kann sicher die Lage der Eier im Nest und die Lage des Brutflecks der
Henne bei der Bestimmung der Form der Eier eine Rolle spielen. Egal, wie gross
das Gelege ist, es ist die Lage der einzelnen Eier im Gelege, die dessen
Gesamtfläche bestimmen und damit die Passung des Geleges zum Brutfleck der
Hennen. Dabei ist die Form der Eier wichtig. Z. B. liegen die Eier vieler Vögel
wahrscheinlich deshalb oft mit ihren spitzen Polen zur Mitte des Geleges hin und
damit nach Innen und oft auch etwas nach unten gerichtet, weil so der Platz des
gesamten Geleges minimalisiert werden kann. Die tropfen - und birnenförmigen
Eier der Alken und Lummen verhindern durch ihre Form ein Herabrollen vom nackten
Fels, auf den sie gelegt werden. Ihr Gewicht am stumpfen Pol lässt sie nämlich
bei einer unangepassten Bewegung nur ein kurzes Stück und dann noch
kreiselförmig um ihren spitzen Pol herum rollen. Das wäre nicht der Fall, wenn
diese Eier z. B. kurzoval oder eher kreisrund wären (Makatsch 1967). Dann würden
sie nämlich vom Fels herabrollen und so zerstört. Neben diesem Effekt mag aber
auch die Maximierung der Fläche des Eis, die bebrütet wird, eine Rolle spielen.
Sie kann - geometrisch gesehen - bei den tropfenförmigen Eiern am grössten
werden. Werden Eier - z. B. in der Bruthöhle einer Eulenart - oft hin und her
bewegt, mag wiederum die runde Eiform von Vorteil sein, da sich Eier mit dieser
Form besser bewegen lassen. Doch alle Eier variieren z. T. in ihrer Form
beträchtlich - auch bei einem Individuum einer Art. So sind hier schwerlich
abschliessende Befunde zu berichten.
Die in der vorliegenden Studie gefundenen quantitativen statistischen
Beziehungen bestätigen in einigen Fällen bereits Bekanntes auch für Hühnervögel.
Je schwerer und damit je länger und je breiter ein Ei ist, desto länger ist auch
die Brutdauer, desto eher liegt es in grösseren Gelegen. Eier von Nestflüchtern
sind oft grösser als solche vom Körper her gleichgrosser Nesthocker. Sie
benötigen demnach auch eine längere Brutzeit. Beides hängt sicher mit dem
grösseren Reifegrad der Nestflüchter zusammen. Da bei den Hühnervögeln, die in
der vorliegenden Arbeit erfasst wurden, nur Nestflüchter vorkommen, variiert die
Grösse und damit das Gewicht des Eis vor allem mit der Körpergrösse der Hennen:
grössere Hennen legen auch grössere Eier die, wie bereits ausgeführt, auch eine
längere Brutzeit benötigen.
Generell gesehen sind die einzelnen signifikanten Werte, die statistische
Zusammenhänge in der vorliegenden Analyse abbilden, numerisch eher klein und
deutlich geringer als die, die wir für entsprechende Berechnungen bei
Haushühnern, bei Hausgänsen und Hausenten bislang fanden (Schmitz-Scherzer
1997).
Dies ist zuerst einmal ein Zeichen der vielfältigen Verwobenheit der Färbung und
der erhobenen Masse der Eier mit Charakteristika der äusseren Erscheinung der
Hühnervögel (ihres Phänotyps) und Teilen ihres Verhaltens soweit in die
vorliegende Analyse mit einbezogen. Zum zweiten spiegeln die Resultate sowohl
die Ähnlichkeit als auch die Unähnlichkeit in der Familie dieser Vögel wider.
Deren Variabilität ist offensichtlich viel grösser, als die der Haushühner und
ihrer unterschiedlichen Rassen - eine Folge der Züchtung z. T. über
Jahrtausende.
Leider wissen wir über die Bedeutung der Tiergestalt und ihrer äusseren
Kennzeichen (eben auch ihrer Färbung und ihrer Farben) relativ wenig. Ausser
Portmann (Portmann 1957, 1966) hat sich in unserem Jahrhundert kaum ein Biologe
intensiv mit der Tiergestalt beschäftigt und hier und dort versucht, auf
entsprechende Fragen Antworten zu geben. Erklärungen aus dem darwinistischen
Gedankengut greifen im Zusammenhang unserer Fragen nicht weit genug, da sie
jeweils mehr auf die Funktion eines Organs oder eines Körperteiles abzielen,
weniger auf seine Erscheinung. Dies gilt auch, wenn wir die Werke von Haeckel
und Goethe, in deren Gedanken sowohl die Gestalt der Tiere, als auch jene der
Pflanzen oft eine zentrale Rolle spielen, befragen. Deutlich wird dies, wenn z.
B. versucht wird, die verschiedenen Formen von Gehörnen und Geweihen in der
Tierwelt zu "erklären". Bei allen dem Autor bekannten Versuchen wird von der
Funktion der Geweihe und Gehörne ausgegangen, nicht von ihrer Gestalt.
Auch wir können in unserem Kontext nicht sagen, warum bei den Hühnervögeln z. B.
Kehllappen hellblau, Beine grellrot, Schnäbel hellgelb oder die Iris grau
gefärbt sein kann, welchen "Zweck" diese Färbungen haben. Erst recht können wir
dies nicht sagen, wenn für Kehllappen, Läufe, Schnäbel und Iris verschiedene
Farben bei einer Art vorkommen wie z. B. die Farben Blau bis Grau, Gelb bis
Braun oder Weiss bis Isabell.
Möglicherweise können wir auch keine Erklärungen zu den möglichen "Gründen" der
jeweiligen Färbung eines Eis geben.
Unsere Befunde zu dieser Frage scheinen jedenfalls anzudeuten, dass die Art der
Färbung der Eier bei den Hühnervögeln - wenn überhaupt - nur in sehr lockerer
Beziehung zu der Färbung unbefiederter Körperteile der Hühnervögel stehen.
Möglicherweise aber dient die entsprechende Färbung der Eier dem Wiedererkennen
durch die Elternvögel? Makatsch (Makatsch 1967) bestreitet diesen
Erklärungsversuch. Wir können ihm zufolge nicht davon ausgehen, dass Vögel in
der Regel ihre eigenen Eier (er-)kennen. Viele Beobachtungen sprechen jedenfalls
dagegen. Allerdings scheint bis jetzt zu dieser Frage noch nicht das letzte Wort
gesprochen zu sein.
Auch das Argument der Sicherstellung der Tarnung durch die jeweilige Färbung der
Eier muss sehr kritisch hinterfragt werden (Makatsch 1967). 33 % weisse und 18 %
Eier mit Eiglanz bei den Hühnervögeln machen dies schon von den Zahlen her
unwahrscheinlich. Schliesslich sind die Farbe Weiss wie auch ein Eiglanz
insbesondere bei Bodenbrütern alles andere als unauffällig und besitzen damit
kaum tarnende Funktionen.
Dies gilt auch, wenn nahezu die Hälfte der weissen Eier nicht rein weiss sind
und andere ihre weisse Färbung durch moderndes Nistmaterial und andere Prozesse
während der Brutzeit eindunkeln und etwas weniger als 50 % aller Eier
Schalenober - und / oder Schalenunterflecken aufweisen. Insofern muss dem
Erklärungsansatz, der die Funktion der Tarnung in das Zentrum seiner
Argumentation zur Erklärung der unterschiedlichen Färbung der Vogeleier stellt,
zumindest für die Hühnervögel, widersprochen werden. Zumindest erweist er sich
dort in vielen Fällen als zweifelhaft.
Während die Chemie der Eifärbung einigermassen bekannt ist und hier weiter nicht
verfolgt werden soll, tappen wir demnach bei der Suche nach ihrer biologischen
Begründung der unterschiedlichen Farbgestaltung der Eier und damit auch der
unterschiedlichen Funktionsweise des Eileiters im Dunklen. Denn wenn ein
Eileiter jeweils Eier von anderer Erscheinung produziert, verändert er seine
Funktionsweise auch. Das Alter, aber auch Nahrung und Umwelteinflüsse nehmen auf
die Gestaltung der Eier im Eileiter nachweislich Einfluss. Allerdings liegen
nach Kenntnis des Autors insbesondere zur Einwirkung solcher Einflüsse auf die
Färbung der Eier keine systematischen Studien vor. Für einige Arten liegen
lediglich Untersuchungen in Bezug auf toxische Einflüsse und die Variabilität
der Schalendicke sowie auf Alter und Eigewicht, Eigrösse und Eianzahl vor.
Warum also diese Variabilität in Farbe und Form der Eier? Warum treibt die Natur
diesen Aufwand? Wir haben keine schlüssige Antwort darauf anzubieten sondern
lediglich Denkanstösse. Alle Geschöpfe der Natur unterscheiden sich mehr oder
weniger stark auch in ihrer äusseren Erscheinung voneinander, ja diese
Verschiedenheit ist quasi ein Charakteristikum der Lebensformen. Sie ist auch
zum Überleben einer Art notwendig, da durch die Variabilität in der gleichen Art
und freilich auch über die Grenzen der Arten hinweg und die Selektion stets die
überlebenstüchtigste Variante gewählt werden kann. Grob formuliert: ohne
Variabilität eines Lebewesens ist die Wahrscheinlichkeit seines Überlebens in
einer stets sich verändernden Umwelt gering.
Welche Rolle die Färbung eines Eis im Überlebensprozess konkret übernimmt,
wissen wir nicht. Da sie jedoch zu dem Eigenschaftsrepertoire eines Eis gehört,
wird sie in diesem Prozess nicht ohne Bedeutung sein. Dies gilt prinzipiell und
erst recht für Vertreter verschiedener Arten, verschiedener Gattungen,
verschiedener Familien.
Die Färbung eines Eis könnte schon in diesem Kontext eine gewisse Rolle und
allemal eine grosse bei Vögeln spielen. Warum sollten die Vogeleier wie die Eier
der Reptilien mehr oder minder weiss getönt sein, wenn die Vögel selbst so
vielfältige Färbungen - und dies sicher nicht ohne Grund - zeigen? Auch das Ei
lebt. Auch das Ei muss zur Erfüllung seines Zweckes "überleben". Es ist
schliesslich die grösste lebende Zelle. Es ist ein "Abzeichen" der Art, zu der
es gehört, es ist nicht nur ein Symbol des Lebens in den unterschiedlichsten
Kulturen, sondern auch ein Zeichen individuellen Lebens. Seine Variabilität -
auch die in der Färbung - sichert sein "Überleben" und damit das der Art, zu der
es gehört.
Literatur
Makatsch, W. : Kein Ei gleicht
dem anderen. Neumann - Neumann, Melsungen 1967
Portmann, A. : Von Vögeln und Insekten. Friedrich Reinhardt, Basel 1957
Portmann, A. : Kleine Einführung in die Vogelkunde. R. Piper, München 1966
Raethel, H. - S.: Hühnervögel der Welt. Neumann - Neumann, Melsungen 1988
Schmitz - Scherzer, R. : Über Hühnereier - eine statistische Annäherung. In.
Geflügelbörse. ( Zur Publikation angenommen )
Schönwetter, M.: Handbuch der Oologie. Herausgegeben und ergänzt von W. Miese.
Akademie Verlag. Berlin 1960 - 1981