Über den Alltag im Alter
R. Schmitz - Scherzer
1. Vom Begriff des Alltags oder von einer klaren Definition zu einer konturlosen Sammelkategorie
Der Alltag ist kein besonderer,
kein bestimmter Tag wie z. B. ein Feiertag oder ein Trauertag. Eher bezeichnet
Alltag dem alltagssprachlichen Wortsinn (von "alle Tage") folgend etwas, was
alle oder doch zumindest die meisten Tage gemeinsam haben. Dies macht das im 17.
Jahrhundert aufkommende Wort der "Alltagskleider" deutlich: es waren Kleider für
alle Tage, also für die Tage, die nicht als Festtage oder durch besondere
Ereignisse aus dem Fluss des Alltags, dem Strom aller (anderen) Tage,
herausgehoben waren.
Was aber kann demnach als Alltag bestimmt werden? Eine Anzahl von alle Tage
beobachtbaren Tätigkeiten, deren Konfigurationen miteinander sowie bestimmte
Muster der Zeitgestaltung, bestimmte Arten der Reaktionen auf Anforderungen wie
etwa Normen oder aber bestimmte Formen der Strukturierungen der Zeit? Oder gar
vielleicht jeweils mehr oder minder alle zuvor genannten Aspekte und einige
mehr? Jedenfalls scheint die Stetigkeit der Wiederkehr, der Wiederholung den
Alltag im vorgebrachten Sinne massgeblich zu charakterisieren.
Alltag bezeichnet auf jeden Fall eine Kategorie von Tagen, denen eine grosse
Gemeinsamkeit eigen ist, die sich nicht sonderlich voneinander unterscheiden und
die den grössten Teil eines Menschenlebens ausmachen. Dabei umfasst die
Kategorie Alltag gewiss nicht alle Merkmale dieser Tage aber eben doch jene, die
( fast ) allen gemeinsam sind.
Bezeichnet Alltag also die mehr oder minder festen und sich wiederholenden
Muster von Tätigkeiten, Erlebnisweisen und Reaktionsformen, die eine stets
ähnliche Konfiguration bilden und die bekannt sein müssten, wenn das tätige
Leben von Menschen beschrieben werden soll? Dieses Leben alle Tage? Eben das
Leben alltags?
Thiersch meint in diesem Zusammenhang: "Wenn Alltäglichkeiten und Alltagswelten
als Raum unmittelbarer Erfahrung, als Raum, in dem Leben pragmatisch bewältigt
werden muss, verstanden werden muss, dann bedeutet dies, dass hier Leben in
seinem Eigensinn ernstgenommen und respektiert wird gegenüber den verkürzenden
und abstrahierenden Problemlösungs - und Verständnismustern, wie sie unsere
moderne Lebens- und Wissenskultur auszeichnen " (1992, S. 52 ).
Wiewohl Alltag und Alltägliches in vielen Sozialwissenschaften implizit oder
explizit eine wesentliche Kategorie darstellen, gibt es vergleichsweise wenig
diesbezügliche Arbeiten. Die hier zu befragenden Wissenschaften definieren
Alltag zudem selten einheitlich. Eher umschreiben sie diesen Begriff (nur). So,
um ein Beispiel zu geben, als eine "gelebte Individualität realer Menschen"
(Harms und Preissing 1988, S. 167). Gerade bei dieser und den in der Literatur
zahlreichen anderen Umschreibungen des Alltagsbegriffes wird deutlich, dass
Alltag überwiegend zu einer Sammelkategorie für viele sehr unterschiedliche und
nur mehr oder weniger konkret gefasste einzelne Aspekte des Verhaltens und
Erlebens in den Wissenschaften geworden ist.
So kann Alltag unter dem Aspekt der Häufigkeit die Tage meinen, die am
häufigsten sind ( im Gegensatz zu Festtagen etwa ), unter dem Gesichtspunkt der
Bekanntheit jene Tage subsumieren, die allgemein gekannt sind ( im Vergleich zu
besonderen den besonderen Tagen des Feierns, des Erinnerns, des Gedenkens ).
Unter dem Blick des Strukturierungsgrades kann Alltag als Teil der Privatsphäre
eines Menschen im Gegensatz zur Sphäre der Öffentlichkeit, als Mikrowelt
verglichen mit sozialen Makrosystemen oder als subjektiv bestimmte
Erfahrungswelt gegenüber der Institutionswelt angesprochen werden. Alltag
scheint zudem als tägliches Leben im Kontrast zu Geschehnissen mit
geschichtsträchtigen Dimensionen, als Leben der einfachen Leute gegenüber dem
der Eliten, als Routine versus Nicht - Routine oder als Entfremdung gegenüber
Nicht - Entfremdung ansprechbar.
Diese höchst unterschiedlichen Momente, die alle das Begriffsverständnis des
"Alltags" für sich requirieren, machen die heterogenen Bedeutungsgehalte von
Alltag deutlich.
Deshalb fällt es schwer, über den Alltag von alten Menschen konkret zu
berichten, da so gesehen der Kenntnisstand der gesamten Gerontologie unter einer
solchen in den letzten Jahren zunehmend gebräuchlichen Sammelkategorie des
Alltags - in mehr oder weniger begründeter Auswahl - berichtet werden müsste.
Das zuvor angesprochene Dilemma birgt allerdings nicht nur schwer zu lösende,
sondern auch perspektivische Momente für eine gerontologische Forschung, denn
Alltagsforschung erzwingt geradezu eine holistische Sichtweise und verlangt
zumindest den Versuch einer Berücksichtigung vielfältiger Aspekte und ihrer
Zusammenschau. Zudem hat der Begriff "Alltag" auch eine rhetorische Funktion; er
ist immer gegen etwas gerichtet oder er nimmt Partei für etwas. Ohne diese
Gerichtetheit seien die Arbeiten zum Alltag kaum zu verstehen, meint Elias
(1978).
Die folgende Skizze einer Beschreibung des Alltags alter Menschen stellt einen
Versuch dar. Allerdings einen notwendigen Versuch, da der Alltag im Alter in der
Gerontologie bislang, wenn überhaupt, dann eher zerstückelt, fragmentarisch oder
partiell und ohne weitere Reflexion beschrieben wurde.
2. Wie sieht der Alltag alter
Menschen aus?
2.1. Daseinsthemen und
Daseinstechniken im Alltag
Wie sieht aber der Alltag im Alter aus? Diese Frage kann nur unter verschiedenen
Aspekten in einer ersten Annäherung behandelt werden, nämlich einmal mit den
Versuchen einer Darstellung ihrer Erlebnis- und Reaktionsweisen im Alltag, zum
anderen mit einer Beschreibung von alltäglichen Aktivitäten alter Menschen und
zum dritten mit einer Diskussion wesentlicher Aspekte im und des Lebens alter
Menschen, die das Verhalten und Erleben deutlich beeinflussen.
Einige Arbeiten von Thomae (1968) bieten vor dem geschilderten Hintergrund eine
sehr gute diesbezügliche Ausgangsposition. Thomae arbeitet u. a. mit der Methode
der Erhebung subjektiver Schilderungen eines "gewöhnlichen Wochentags", des
Alltags eben. Einen Tageslauf betrachtet Thomae als eine biographische Einheit
(freilich unter anderen). Das "Verhalten, das uns Zugang zum Individuum und
seiner Welt erschliessen soll, ist als Teil oder Aspekt einer individuellen
Biographie" zu sehen (a. a. O. im Vorwort o. S.). Damit ist eine Verbindung von
Biographie und Alltag vollzogen, die auch Pauleickoff sieht, wenn er feststellt:
"Der Tageslauf ist das Kernstück des Lebenslaufes und ist von diesem garnicht zu
trennen ..." (1965, S. 71).
Obwohl Thomae diesen Ansatz in einen ganz bestimmten Kontext der
Persönlichkeitsforschung stellt, ist er - und dies zeigt der Autor durch
zahlreiche Untersuchungen selbst auf - ohne weiteres auch für die
Alltagsforschung in der Gerontologie nutzbar. Dabei steht der alte Mensch " in
seiner alltäglichen Existenz " ( a. a. O. im Vorwort o. S. ) im Zentrum des
Interesses.
Thomae sucht in seinen diesbezüglichen Arbeiten nach "Daseinsthemen" und
"Daseinstechniken", das sind inhaltlich bestimmbare Hauptthemen des Lebens und
Formen der Auseinandersetzung mit Aspekten der persönlichen Lebenssituation.
Aufbauend auf zahlreichen Untersuchungen bei unterschiedlichen Personengruppen
seit den 50er Jahren und davor bezieht der Autor schliesslich die Erfahrungen
aus dieser Lebenslaufforschung auch auf das Erwachsenenalter und das Alter.
Dabei gelangten z.T. sehr differenzierte Kategorienschemata zur Identifikation
der einzelnen Themen und Techniken zur Anwendung. Mittels ihrer Auswertung
gelingen auf einer eher strukturellen Ebene sehr konkrete Alltagsbeschreibungen
alter Menschen.
Alle Resultate der vorgelegten Analysen zeigten auf den ersten Blick einen
vergleichsweise eher geringen Einfluss des chronologischen Alters auf die
Konstituierung sowohl von Themen im Lebenslauf als auch auf die Aktivierung von
Techniken. Vielmehr waren u. a. epochale Einflüsse, der soziale Status und der
Gesundheitszustand von grösserem Einfluss. Allerdings muss bei solchen
Resultaten gesehen werden, dass das chronologische Alter eine unterschiedlich
"gesättigte" Variable sein kann, in der auch epochale, gesundheitliche und eine
Vielzahl anderer Momente repräsentiert sein können.
Darüber hinaus fanden sich in den Resultaten der Studien von Thomae, die hier
berücksichtigt werden, auch Hinweise auf eine Veränderung von Themen, die auf
eine Auseinandersetzung des älteren Menschen mit sich selbst und seinem Alter
rückführbar sind.
Im Grunde bietet Thomae (a.a.O.) mit seinem Ansatz eine Möglichkeit zur
differenzierten Betrachtung des gesamten Lebenslaufs ohne die Nachteile von
Phasen oder Stufenmodellen (s.o.) hinnehmen zu müssen. Zudem wird in seinem
Modell die Aktivität des Individuums in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt
und seiner alltäglichen Lebenssituation konkret beschrieben und damit in diesem
Kontext analysierbar. Die Dynamik, die einer Entwicklung im Alter innewohnt,
denkt Thomae als "Dynamik von Themen und Techniken". Dabei könne die
"eigentliche Thematik dem Subjekt nicht bekannt oder formulierbar", aber "als
propulsiver Drang, Gestimmtheit oder diffuse Gerichtetheit" dem Individuum
bemerkbar, dem Beobachter deutlich sein (15,163). So gesehen wird die
"Lebensgeschichte nicht einfach zu einer Abfolge formaler Strukturen, sondern
zur Geschichte eines Themas und seiner Varianten" (a.a.O., 203), zu einem auch
inhaltlich bestimmbaren Veränderungsgeschehen, welches wiederum in alltäglichen
Handlungsverläufen im Alltag seinen Niederschlag findet.
Die Phänomenologie der thematischen Ansätze zur Beschreibung und Analyse der
Veränderungen im menschlichen Lebenslauf ist bestechend und gestattet die
Verwendung dieses Modells für die praktische Arbeit mit und für alte Menschen
immer dann, wenn "Verstehen" fremdseelischen Verhaltens notwendig und wichtig
wird. Dies obwohl oder gerade trotz der fehlenden Übereinstimmung in der
Forschung in Bezug auf verbindliche Hierarchien von Thematiken und Techniken,
der nicht zur vollen Zufriedenheit gelösten methodischen und konzeptionellen
Probleme und der noch nicht vollständig geklärten Frage nach der Konstanz und
der Variabilität diesbezüglicher Kategorien im Lebenslauf.
2.2. Die alltäglichen
Aktivitäten alter Menschen
Die Häufigkeit der Ausübung alltäglicher Aktivitäten ist bei altern Menschen der
jüngerer Menschen ähnlich. Dies gilt jedoch ohne weiteren Beleg zunächst nur für
das Ergebnis der Betrachtung der Aktivitäten, die alte wie jüngere Menschen mehr
oder weniger häufig, fast täglich, also alle Tage oder alltags ausüben. Dieses
Ergebnis zahlreicher Studien ist so alt wie die Freizeitforschung in der
Gerontologie ( Schmitz - Scherzer 1974, Tokarski 1991 ). Bei der - wie noch zu
zeigen sein wird - undifferenzierten querschnittlichen Betrachtung
unterschiedlicher Altersgruppen ist die grosse Ähnlichkeit der
Häufigkeitsprofile der alltäglichen Tätigkeiten über alle Altersgruppen hinweg
stets zu finden. Abgesehen von sportlichen Betätigungen und einiger oft vor
allem den Körper fordernder Tätigkeiten werden fast alle untersuchten ( Freizeit
)Aktivitäten ähnlich häufig oder selten in jüngeren, älteren und alten
Altersgruppen ab dem frühen Erwachsenenalter ausgeübt. Eine hohe Kompetenz bei
der Ausübung von Alltagstätigkeiten ist also bei alten Menschen im Vergleich zu
Jüngeren allen bekannten Studien zufolge durchaus gegeben (Schmitz-Scherzer
1995).
Unter der Oberfläche dieser Ähnlichkeit findet sich allerdings eine grosse
Differenziertheit und Komplexität bei der näheren Analyse der
Alltagsaktivitäten. Dabei zeigt sich, dass das chronologische Alter als die
Ausübung von Aktivitäten differenzierendes Merkmal wenig taugt, wohingegen vor
allem der Soziale Status (und mit diesem die Schulbildung, die
Berufszugehörigkeit, das Einkommen und die Wohnsituation), der Familienstand,
die Geschlechtszugehörigkeit und der Gesundheitszustand in diesem Zusammenhang
von grösster Bedeutung sind. Alltagsaktivitäten sind deshalb nicht isoliert vom
Individuum, seiner Biographie und seiner momentanen Lebenssituation zu
betrachten (Tokarski, Schmitz-Scherzer, 1985).
Solange der Gesundheitszustand das vorhandene Aktivitätsniveau und die Erfüllung
vorhandener Interessen nicht einschränkt und der soziale Status ausreichende
Möglichkeiten und vor allem ein angemessenes finanzielles Polster bereitstellt,
sind es die individuellen Interessen und die in der Situation vorhandenen und
zusätzlich auch subjektiv als wählbar wahrgenommenen Möglichkeiten, die die
Muster der verschiedenen alltäglichen Aktivitäten bei Alt und Jung bestimmen.
Dabei spielen freilich neben zahlreichen anderen Aspekten auch Werthaltungen und
Normen, die z. B. Höpflinger anspricht, wenn er feststellt, dass vielfältige
"Kontaktbedürfnisse und Erlebnishunger" heute von sehr vielen Senioren
"ausgelebt " werden (1997, S. 16), eine Rolle. Dies gilt jedoch auf Grund der
herrschenden sozialen Werte, der momentanen Trends und der zur Zeit gültigen
Normen für alle Altersgruppen und nicht nur speziell für alte Menschen. Es ist
höchstens insofern in der älteren Generation neu, als dass heute grössere
Gruppen alter Menschen über die notwendigen Mittel für diesbezügliche
Aktivitäten verfügen.
Konkret zeigt sind, dass das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und
Illustrierten, Fernsehen, Radiohören, Besuche machen und Besuche empfangen,
Spazierengehen und Gartenarbeit sowie Kirchenbesuch die am häufigsten ausgeübten
Alltagstätigkeiten sind, hingegen Besuche von Theater, Kino und Konzerten,
bezahlte Nebenarbeiten, ehrenamtliche Tätigkeiten, Besuche von Ausstellungen,
Museen und Vorträgen sowie Musizieren und Malen eher von wenigen Menschen der
heutigen höheren Altersgruppe gepflegt werden.
Im Vergleich zu früheren Untersuchungen lässt sich nur folgern, dass durch das
Fernsehen, die bedeutend umfangreichere Ausstattung der Haushalte mit "
Freizeitgütern " und die gestiegene Mobilität in der Freizeit, besonders durch
die Zunahme des Autobesitzes bestimmte Freizeittätigkeiten wie das Spielen von
Gesellschaftsspielen besonders im familiären Kreis Basteln u.ä. zugunsten von
Mediennutzung und dem Besuch von Bildungs- sowie kulturellen Angeboten
zurückgegangen sind. Generell gesehen ist das Freizeitverhalten beobachtet man
die einzelnen Alltagstätigkeiten vielfältiger und mobiler (was u. a. auch an den
von vielen alten Menschen gerne und häufig unternommenen Reisen zu erkennen ist)
geworden. Dies scheint ein Trend zu sein, der sich in die Zukunft fortsetzen
wird.
Die Unterschiede im Alltagsverhalten zwischen Frauen und Männern in dieser
Altersgruppe sind durch die unterschiedlichen Sozialisationsprozesse und der
damit verbundenen Zuteilung der Geschlechterrollen leicht verständlich. Frauen
betätigen sich stärker in allen familienbezogenen Tätigkeiten, gehen häufiger
spazieren, lesen häufiger Bücher, machen häufiger Besuche und basteln bzw.
handarbeiten mehr als Männer; Männer dagegen beschäftigen sich mehr mit
Sammlungen, Gartenarbeit, dem Besuch von Sportveranstaltungen, aktivem
Sporttreiben und in politisch gesellschaftlichen Aktivitäten. Diese
Geschlechtsunterschiede sind Resultate unterschiedlicher sozialer Rollen. Heute
zeigt sich jedoch auch in der älteren Generation eine gewisse Aufweichung dieses
rollenspezifischen Alltagsverhaltens, obwohl dies in den vorliegenden
Untersuchungen noch nicht sehr deutlich wird.
Besonderen Stellenwert im Alltagsleben auch älterer und alter Menschen haben die
Massenmedien, allen voran das Fernsehen und die Zeitungen. Sie füllen bei vielen
Menschen dieser Altersgruppe meist mehr als die Hälfte ihrer alltäglichen
Freizeit, z.B. beträgt die tägliche Nutzung des Fernsehens bei alten Menschen
durchschnittlich fast 3 Stunden. Zusammen mit Familienkontakten und
Spazierengehen lasten sie die als disponible Zeit zur Verfügung stehende
Zeitspanne gar oft zu 90% aus, übrigens nicht selten verglichen mit früheren
Zeiten zu Lasten zwischenmenschlicher Kommunikation, wie sie sich z. B. bei
Gesellschaftsspielen, in Gesprächen und in Vereinen ergab.
Die Rolle der Wohnung als Alltagsort lässt sich schon indirekt durch das zuvor
Dargelegte klären: Lesen, Radiohören und Fernsehen werden meist in der Wohnung
gepflegt, die Gartenarbeit dürfte öfter im am Haus angrenzenden Garten
stattfinden und weniger im Schrebergarten, der Spaziergang dürfte im
Wohnquartier erfolgen. Besuche, Nähen, Basteln oder ähnliche Tätigkeiten sind
ebenfalls stark wohnungsbezogen oder an die Wohnungen der Kontaktpartner
gebunden. D.h.: die Vielzahl der Alltagstätigkeiten und damit auch die meiste
Zeit verbringen die älteren und alten Menschen in und in der Nähe ihrer Wohnung.
Betrachtet man das ausserhäusliche Aktivitätsmuster alter Menschen fällt auf,
dass diese mit zunehmendem Alter in der Regel geringer werden. Das heisst, dass
die Wohnung im Alltag eine zentralere Rolle einnimmt, ja, dass sie der
Alltagsort schlechthin wird. Alltag ist Wohnalltag (Saup und Reichert 1997).
Damit kommt der Wohnung bei der Betrachtung des Alltags alter Menschen ein
besonderer Stellenwert zu. So sehr die ausserhäuslichen Aktivitäten mit
zunehmendem Alter abnehmen, so sehr nimmt die Wohnung als Alltagsort an
Bedeutung zu, so sehr wächst auch die Bedeutung aller verschiedenen
wohnungsbezogener Aktivitäten, allem voran der Medienkonsum, die tägliche
Hausarbeit und die Aktivitäten des Besuche Empfangens.
Trotz dieses eindeutigen Übergewichts der Wohnung als dem Alltagsort für die
ältere Generation schlechthin, darf man die Relevanz der anderen Plätze, wo der
Alltag verbracht wird, nicht unterschätzen: Wohnungen anderer (zumeist alter)
Menschen, Gärten, Clubs, Vereine, die Natur.
Die meisten Alltagstätigkeiten sind mit Sozialkontakten verbunden oder stellen
selbst Sozialkontakte dar. Dies gilt ohne Einschränkungen auch für die ältere
Generation. Allerdings ist bei ihr eine stärkere Hinwendung zu familiären
Kontakten zu beobachten. Dies kann nicht mit dem höheren Alter erklärt werden,
vielmehr scheint es eine Folge der veränderten Situation im Alter überhaupt zu
sein: manche Kontaktpartner sterben, der Beruf steht nicht mehr als wesentliche
Quelle von Kontaktmöglichkeiten - auch mit jüngeren Menschen - zur Verfügung.
Alltagskompetenz scheint sich stets im Raum der Möglichkeiten abzubilden, die
dieser Bevölkerungsgruppe zur Verfügung stehen und ist zudem durch eine in der
gerontologischen Forschung vielfach bestätigte Tendenz bestimmt, nämlich der,
dass die meisten älteren und alten Menschen dazu neigen, ihre in ihrer
Biographie aufgebauten und entwickelten Verhaltens - und - Erlebnisstile
möglichst auch im Alter beizubehalten.
2.2.1 Alltagsaktivitäten im
Ruhestand
Besonders deutlich ist dies bei den Männern mit Eintritt des Ruhestandes und bei
den Reaktionen der Frauen dieser Altersgruppe auf eine Entlastung im familiären
Bereich durch den Weggang der (erwachsenen) Kinder aus dem Haus zu beobachten:
vorhandene Interessen und Erfahrungen bilden die Grundlage für das
Alltagsverhalten im Alter auch weiterhin. Insofern bekommt die Kontinuität der
Lebensführung einen hohen Stellenwert. Entsprechende Längsschnittstudien belegen
dies eindrucksvoll (Schmitz-Scherzer, 1978), u.a. auch durch die Diskrepanzen,
die sich zwischen dem tatsächlichen Alltagsverhalten im Ruhestand und den zuvor
geäusserten Wünschen für die Zeit des (zukünftigen) Ruhestandes aufweisen
lassen: Die Tendenz des realen Verhaltens ist eher im Kontext der Kontinuität
mit dem Verhalten vor dem Ruhestand beschreibbar. Nicht selten sind aber auch
Erfahrungen und Wünsche, die bei der Ausübung bisheriger Aktivitäten gemacht und
erlebt wurden, die Grundlagen für deren Erweiterungen und Ergänzungen, die sich
dann als "neue" Aktivitäten konstituieren. Hier spielt nicht selten auch ein
beobachtbares exploratives Verhalten alter Menschen in dieser Lebenssituation
eine entscheidende Rolle (Saup, 1991). Wünsche und Vorhaben, die weit über die
zuvor gezeigten Aktivitätsmuster hinausgehen, werden allerdings sehr selten
realisiert.
Mobily et al (1991) meinen in diesem Zusammenhang, dass sich das
Aktivitätsrepertoire eines alten Menschen mit einer Bibliothek vergleichen
liesse, in der sich die intrinsisch motivierten und oft ausgeübten Tätigkeiten
abrufbereit befänden. Allerdings hinge ihre Ausübung von der subjektiv erlebten
diesbezüglichen Kompetenz ab und dem Grad der psychologischen Bequemlichkeit, d.
h. der Abwesenheit grösserer Barrieren.
Das Leben ohne Berufstätigkeit im Ruhestand - welches heute nicht selten noch 20
Jahre währen kann - stellt eine besondere Herausforderung dar. Es gilt den
gesamten Lebensrhythmus umzustellen, den Alltag neu zu gestalten. Dies bringt
nicht selten grosse Umorientierungen auch im Wertebereich mit sich. Es lassen
sich - freilich sehr grob typologisierend - verschiedene Formen eines Lebens im
Ruhestand aufzeigen. Lalive d'Epinay (nach Höpflinger 1997) sieht insgesamt fünf
Formen des Lebens im Ruhestand:
Der Freizeit-Ruhestand: Der Ruhestand wird als Chance der persönlichen Entfaltung erlebt. Sportliche, kulturelle und soziale Betätigungen werden intensiviert oder neu aufgenommen. Auch die Teilnahme am Vereinsleben wird teilweise verstärkt, und in einigen Fällen werden frühere Hobbys fast wie zuvor der Beruf ausgeübt. Hier finden sich oft Personen, die zum Ruhestand ein ambivalentes Verhältnis aufwiesen und die nun in neuen Tätigkeiten eine neue Befriedigung erfahren.
Der gesellige Ruhestand ist geprägt durch eine intensive Entwicklung der sozialen Kontakte zu Familie, Freunden und Bekannten. Dazu gehören auch gesellige Freizeitaktivitäten (wie Kartenspielen, Kegeln, gemeinsames Wandern). Die Pensionierung ist weniger Anlass, neue Aktivitäten aufzunehmen, als vielmehr eine Chance, in aller Ruhe gesellig zu sein Diese Menschen haben zum Ruhestand eine sehr positive Haltung.
Der häusliche Ruhestand ist durch ein grosses Engagement im häuslichen Bereich charakterisiert. Hausarbeit, Basteln, Gartenarbeit, aber auch der Umgang mit Haustieren sind wichtige Elemente des Alltagslebens. Im allgemeinen sind auch diese Frauen und Männer mit ihrem Ruhestand zufrieden und fühlen sich kaum einsam.
Beim zurückgezogenen Ruhestand wird das eigene Heim hingegen in eine Burg verwandelt. Es werden kaum neue Aktivitäten ausgeübt, und die körperliche Tätigkeiten sind gering. Diese Frauen und Männer bevorzugen Tätigkeiten, die allein ausgeübt werden können ( Lesen, Kreuzworträtsel, Fernsehen usw. ). Oft handelt es sich hier um allein stehende Menschen in grösseren Städten. Im Unterschied zu den Anhängern eines häuslichen Ruhestands bewerten sie ihre Situation eher negativ, und sie langweilen sich häufig.
Der resignative Ruhestand verbindet Untätigkeit mit dem Fehlen sozialer Kontakte. Bereits vor dem Ruhestand mangelte es an Aktivitäten, und die Aktivitäten nehmen weiter ab. Gleichzeitig sind Beziehungen zu Angehörigen oder Freunden selten. Häufig führen schlechte Gesundheit und geringe finanzielle Mittel zu einer negativen Bewertung der Situation.
Zwar kann man gegen Typisierungen
wie die obige gewichtige Argumente ins Feld führen, doch geben sie immerhin
erste Orientierungen in einem recht komplexen Feld.
2.2.2 Alltagsaktivitäten und
Leben im Heim
Es liegt auf der Hand, dass repräsentative Untersuchungen an in sich sehr
heterogenen Bevölkerungsgruppen nicht in der Lage sind, die spezielle Situation
einzelner Untergruppen zu beschreiben. Deshalb darf im Zusammengang mit den hier
vorliegenden Erörterungen nicht übersehen werden, dass sich der Alltag von
älteren Menschen dort, wo die zuvor erwähnten Einflussgrössen keine optimalen
Ausprägung zeigen, ungleich verschieden darstellt, als bislang aufgezeigt.
So zeigen die Untersuchungen z. B. bei Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern, bei
Empfängerinnen und Empfängern von "Essen auf Rädern" sowie bei in ihrer
Mobilität eingeschränkten Personen eine deutlich geringere Anzahl ausgeübter
Tätigkeiten. Auch werden dort Sozialkontakte nur in geringerem Masse gepflegt.
Langeweile und Unzufriedenheit mit dem Alltag werden in Untersuchungen dieser
Personengruppen oft formuliert. Gerade das kumulierte Aufeinandertreffen eines
geringeren Sozialstatus., einer belasteten Gesundheit und einer unzureichenden
Wohnsituation bei Alleinlebenden (meist Frauen) zeichnet im Vergleich mit dem
repräsentativen Querschnitt deutlich reduzierte Alltagstätigkeiten (Schmitz
Scherzer, 1975).
Diese Reduktionen können allerdings oft auch auf den starken Einfluss der
Umgebung, der Infrastruktur, der Heimorganisation und anderer exogener
Einflussvariablen zurückgeführt werden. Dies wird z. B. dann deutlich, wenn der
"Heimalltag als Qualitätsprüfstein" betrachtet wird (1987). Eine nicht an den
Bedürfnissen der BewohnerInnen und des Personals ausgerichtete Organisation des
Heimalltags kann zu schweren Beeinträchtigungen der Lebensqualität der
BewohnerInnen (und der MitarbeiterInnen) führen.
2.2.3 Alltagsaktivitäten und
Bedürfnisse
Die hierzu vorliegenden zahlreichen Einzelbefunde zusammenfassend kann gesagt
werden, dass ein aktiver und vielgestaltiger Alltag eher dort anzutreffen ist,
wo ein entsprechender Bildungsstand, eine ausreichende finanzielle Ausstattung,
ein guter Gesundheitszustand, eine Wohnung, die die gewünschten Tätigkeiten
nicht einengt bzw. verunmöglicht, sowie eine ausreichende Infrastruktur im
Wohnumfeld vorhanden sind.
Studien über Freizeitbedürfnisse im Alter kommen übereinstimmend zu dem
Ergebnis, dass Freizeittätigkeiten im Alter insbesondere folgende Bedürfnisse
erschliessen lassen:
das Bedürfnis nach Rekreation,
das Bedürfnis nach Kompensation von Belastungen,
das Bedürfnis nach Information und Orientierung,
das Bedürfnis nach sozialen Kontakten,
das Bedürfnis gebraucht zu werden, zu etwas zu gehören,
das Bedürfnis nach Gestaltung und Rhythmisierung der Zeit.
Sind diese Bedürfnisse auf der je
individuellen Ebene erfüllt, so findet sich ein hohes Ausmass von persönlicher
Zufriedenheit im Bereich der ausgeübten Aktivitäten. Nicht unerwähnt bleiben
darf, dass dort, wo Zufriedenheit im Alltag herrscht, ebenfalls oft auch
Zufriedenheit im familiären Bereich zu finden ist. Zufriedenheit mit den eigenen
ausgeübten Alltagsaktivitäten kann demnach als wesentliches Element einer
allgemeinen Lebenszufriedenheit oder Lebensqualität angesehen werden.
Freizeitbedürfnisse sind Bedürfnisse, die aus der gesamten Lebensgeschichte
heraus verstehbar werden, sie weisen Bezüge zum sozialen Kontext eines Menschen,
zu seiner Bildung und zu körperlichen Aspekten seiner Existenz auf.
2.2.4 Alltagsaktivitäten als
Diagnoseinstrument?
Es findet sich noch ein anderer Ansatz zur Beschreibung von Alltagsaktivitäten
alter Menschen auf der Basis von Aktivitäten mittels der ADL - Skala und ihre
Weiterentwicklungen und Ergänzungen (Brandenburg und Sowinski 1997). Hier ist
zunächst einmal zu berücksichtigen, dass die Erfassung der "activities of daily
living" in ihrer Begrifflichkeit irre führen.
Es interessiert hier nur die Funktionalität des menschlichen Körpers als Mass
seiner Selbständigkeit bzw. Unselbständigkeit. Nichts weiter. Demnach handelt es
sich um eine sehr verkürzte Sicht des Alltags bzw. der Alltagsaktivitäten. Erst
Lawton und Brody (1969) brachten mit ihrer Erweiterung der ADL Skala durch die
sog. PSMS ("Physical Self - Maintenance Scale") und die IADL ("Instrumental
Activities of Daily Living") ein wenig mehr vom "eigentlichen" Alltag in diese
Diskussion. Dennoch bleibt die zuvor vorgetragene Kritik bestehen: Mitnichten
wird hier Alltag in seinen Aktivitätenmustern beschrieben, nur Funktionalität
steht im Vordergrund. Besonders bedenklich: die allgemeine Bekanntheit der ADL
Skalen und ihrer Varianten haben zu deren grosser Verbreitung geführt und damit
zu einer Gefahr der Einengung der gerontologischen Perspektive in der
Wissenschaft und der professionellen und ehrenamtlichen Altenarbeit. Der Alltag
der alten Menschen jedenfalls ist mit diesen Ansätzen nicht beschreibbar und der
Name dieser Skalen irreführend.
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