Über den Alltag im Alter

R. Schmitz - Scherzer
 

1. Vom Begriff des Alltags oder von einer klaren Definition zu einer konturlosen Sammelkategorie

Der Alltag ist kein besonderer, kein bestimmter Tag wie z. B. ein Feiertag oder ein Trauertag. Eher bezeichnet Alltag dem alltagssprachlichen Wortsinn (von "alle Tage") folgend etwas, was alle oder doch zumindest die meisten Tage gemeinsam haben. Dies macht das im 17. Jahrhundert aufkommende Wort der "Alltagskleider" deutlich: es waren Kleider für alle Tage, also für die Tage, die nicht als Festtage oder durch besondere Ereignisse aus dem Fluss des Alltags, dem Strom aller (anderen) Tage, herausgehoben waren.

Was aber kann demnach als Alltag bestimmt werden? Eine Anzahl von alle Tage beobachtbaren Tätigkeiten, deren Konfigurationen miteinander sowie bestimmte Muster der Zeitgestaltung, bestimmte Arten der Reaktionen auf Anforderungen wie etwa Normen oder aber bestimmte Formen der Strukturierungen der Zeit? Oder gar vielleicht jeweils mehr oder minder alle zuvor genannten Aspekte und einige mehr? Jedenfalls scheint die Stetigkeit der Wiederkehr, der Wiederholung den Alltag im vorgebrachten Sinne massgeblich zu charakterisieren.

Alltag bezeichnet auf jeden Fall eine Kategorie von Tagen, denen eine grosse Gemeinsamkeit eigen ist, die sich nicht sonderlich voneinander unterscheiden und die den grössten Teil eines Menschenlebens ausmachen. Dabei umfasst die Kategorie Alltag gewiss nicht alle Merkmale dieser Tage aber eben doch jene, die ( fast ) allen gemeinsam sind.

Bezeichnet Alltag also die mehr oder minder festen und sich wiederholenden Muster von Tätigkeiten, Erlebnisweisen und Reaktionsformen, die eine stets ähnliche Konfiguration bilden und die bekannt sein müssten, wenn das tätige Leben von Menschen beschrieben werden soll? Dieses Leben alle Tage? Eben das Leben alltags?

Thiersch meint in diesem Zusammenhang: "Wenn Alltäglichkeiten und Alltagswelten als Raum unmittelbarer Erfahrung, als Raum, in dem Leben pragmatisch bewältigt werden muss, verstanden werden muss, dann bedeutet dies, dass hier Leben in seinem Eigensinn ernstgenommen und respektiert wird gegenüber den verkürzenden und abstrahierenden Problemlösungs - und Verständnismustern, wie sie unsere moderne Lebens- und Wissenskultur auszeichnen " (1992, S. 52 ).

Wiewohl Alltag und Alltägliches in vielen Sozialwissenschaften implizit oder explizit eine wesentliche Kategorie darstellen, gibt es vergleichsweise wenig diesbezügliche Arbeiten. Die hier zu befragenden Wissenschaften definieren Alltag zudem selten einheitlich. Eher umschreiben sie diesen Begriff (nur). So, um ein Beispiel zu geben, als eine "gelebte Individualität realer Menschen" (Harms und Preissing 1988, S. 167). Gerade bei dieser und den in der Literatur zahlreichen anderen Umschreibungen des Alltagsbegriffes wird deutlich, dass Alltag überwiegend zu einer Sammelkategorie für viele sehr unterschiedliche und nur mehr oder weniger konkret gefasste einzelne Aspekte des Verhaltens und Erlebens in den Wissenschaften geworden ist.

So kann Alltag unter dem Aspekt der Häufigkeit die Tage meinen, die am häufigsten sind ( im Gegensatz zu Festtagen etwa ), unter dem Gesichtspunkt der Bekanntheit jene Tage subsumieren, die allgemein gekannt sind ( im Vergleich zu besonderen den besonderen Tagen des Feierns, des Erinnerns, des Gedenkens ). Unter dem Blick des Strukturierungsgrades kann Alltag als Teil der Privatsphäre eines Menschen im Gegensatz zur Sphäre der Öffentlichkeit, als Mikrowelt verglichen mit sozialen Makrosystemen oder als subjektiv bestimmte Erfahrungswelt gegenüber der Institutionswelt angesprochen werden. Alltag scheint zudem als tägliches Leben im Kontrast zu Geschehnissen mit geschichtsträchtigen Dimensionen, als Leben der einfachen Leute gegenüber dem der Eliten, als Routine versus Nicht - Routine oder als Entfremdung gegenüber Nicht - Entfremdung ansprechbar.

Diese höchst unterschiedlichen Momente, die alle das Begriffsverständnis des "Alltags" für sich requirieren, machen die heterogenen Bedeutungsgehalte von Alltag deutlich.

Deshalb fällt es schwer, über den Alltag von alten Menschen konkret zu berichten, da so gesehen der Kenntnisstand der gesamten Gerontologie unter einer solchen in den letzten Jahren zunehmend gebräuchlichen Sammelkategorie des Alltags - in mehr oder weniger begründeter Auswahl - berichtet werden müsste.

Das zuvor angesprochene Dilemma birgt allerdings nicht nur schwer zu lösende, sondern auch perspektivische Momente für eine gerontologische Forschung, denn Alltagsforschung erzwingt geradezu eine holistische Sichtweise und verlangt zumindest den Versuch einer Berücksichtigung vielfältiger Aspekte und ihrer Zusammenschau. Zudem hat der Begriff "Alltag" auch eine rhetorische Funktion; er ist immer gegen etwas gerichtet oder er nimmt Partei für etwas. Ohne diese Gerichtetheit seien die Arbeiten zum Alltag kaum zu verstehen, meint Elias (1978).

Die folgende Skizze einer Beschreibung des Alltags alter Menschen stellt einen Versuch dar. Allerdings einen notwendigen Versuch, da der Alltag im Alter in der Gerontologie bislang, wenn überhaupt, dann eher zerstückelt, fragmentarisch oder partiell und ohne weitere Reflexion beschrieben wurde.
 

2. Wie sieht der Alltag alter Menschen aus?
 

2.1. Daseinsthemen und Daseinstechniken im Alltag

Wie sieht aber der Alltag im Alter aus? Diese Frage kann nur unter verschiedenen Aspekten in einer ersten Annäherung behandelt werden, nämlich einmal mit den Versuchen einer Darstellung ihrer Erlebnis- und Reaktionsweisen im Alltag, zum anderen mit einer Beschreibung von alltäglichen Aktivitäten alter Menschen und zum dritten mit einer Diskussion wesentlicher Aspekte im und des Lebens alter Menschen, die das Verhalten und Erleben deutlich beeinflussen.

Einige Arbeiten von Thomae (1968) bieten vor dem geschilderten Hintergrund eine sehr gute diesbezügliche Ausgangsposition. Thomae arbeitet u. a. mit der Methode der Erhebung subjektiver Schilderungen eines "gewöhnlichen Wochentags", des Alltags eben. Einen Tageslauf betrachtet Thomae als eine biographische Einheit (freilich unter anderen). Das "Verhalten, das uns Zugang zum Individuum und seiner Welt erschliessen soll, ist als Teil oder Aspekt einer individuellen Biographie" zu sehen (a. a. O. im Vorwort o. S.). Damit ist eine Verbindung von Biographie und Alltag vollzogen, die auch Pauleickoff sieht, wenn er feststellt: "Der Tageslauf ist das Kernstück des Lebenslaufes und ist von diesem garnicht zu trennen ..." (1965, S. 71).

Obwohl Thomae diesen Ansatz in einen ganz bestimmten Kontext der Persönlichkeitsforschung stellt, ist er - und dies zeigt der Autor durch zahlreiche Untersuchungen selbst auf - ohne weiteres auch für die Alltagsforschung in der Gerontologie nutzbar. Dabei steht der alte Mensch " in seiner alltäglichen Existenz " ( a. a. O. im Vorwort o. S. ) im Zentrum des Interesses.

Thomae sucht in seinen diesbezüglichen Arbeiten nach "Daseinsthemen" und "Daseinstechniken", das sind inhaltlich bestimmbare Hauptthemen des Lebens und Formen der Auseinandersetzung mit Aspekten der persönlichen Lebenssituation. Aufbauend auf zahlreichen Untersuchungen bei unterschiedlichen Personengruppen seit den 50er Jahren und davor bezieht der Autor schliesslich die Erfahrungen aus dieser Lebenslaufforschung auch auf das Erwachsenenalter und das Alter. Dabei gelangten z.T. sehr differenzierte Kategorienschemata zur Identifikation der einzelnen Themen und Techniken zur Anwendung. Mittels ihrer Auswertung gelingen auf einer eher strukturellen Ebene sehr konkrete Alltagsbeschreibungen alter Menschen.

Alle Resultate der vorgelegten Analysen zeigten auf den ersten Blick einen vergleichsweise eher geringen Einfluss des chronologischen Alters auf die Konstituierung sowohl von Themen im Lebenslauf als auch auf die Aktivierung von Techniken. Vielmehr waren u. a. epochale Einflüsse, der soziale Status und der Gesundheitszustand von grösserem Einfluss. Allerdings muss bei solchen Resultaten gesehen werden, dass das chronologische Alter eine unterschiedlich "gesättigte" Variable sein kann, in der auch epochale, gesundheitliche und eine Vielzahl anderer Momente repräsentiert sein können.

Darüber hinaus fanden sich in den Resultaten der Studien von Thomae, die hier berücksichtigt werden, auch Hinweise auf eine Veränderung von Themen, die auf eine Auseinandersetzung des älteren Menschen mit sich selbst und seinem Alter rückführbar sind.

Im Grunde bietet Thomae (a.a.O.) mit seinem Ansatz eine Möglichkeit zur differenzierten Betrachtung des gesamten Lebenslaufs ohne die Nachteile von Phasen oder Stufenmodellen (s.o.) hinnehmen zu müssen. Zudem wird in seinem Modell die Aktivität des Individuums in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und seiner alltäglichen Lebenssituation konkret beschrieben und damit in diesem Kontext analysierbar. Die Dynamik, die einer Entwicklung im Alter innewohnt, denkt Thomae als "Dynamik von Themen und Techniken". Dabei könne die "eigentliche Thematik dem Subjekt nicht bekannt oder formulierbar", aber "als propulsiver Drang, Gestimmtheit oder diffuse Gerichtetheit" dem Individuum bemerkbar, dem Beobachter deutlich sein (15,163). So gesehen wird die "Lebensgeschichte nicht einfach zu einer Abfolge formaler Strukturen, sondern zur Geschichte eines Themas und seiner Varianten" (a.a.O., 203), zu einem auch inhaltlich bestimmbaren Veränderungsgeschehen, welches wiederum in alltäglichen Handlungsverläufen im Alltag seinen Niederschlag findet.

Die Phänomenologie der thematischen Ansätze zur Beschreibung und Analyse der Veränderungen im menschlichen Lebenslauf ist bestechend und gestattet die Verwendung dieses Modells für die praktische Arbeit mit und für alte Menschen immer dann, wenn "Verstehen" fremdseelischen Verhaltens notwendig und wichtig wird. Dies obwohl oder gerade trotz der fehlenden Übereinstimmung in der Forschung in Bezug auf verbindliche Hierarchien von Thematiken und Techniken, der nicht zur vollen Zufriedenheit gelösten methodischen und konzeptionellen Probleme und der noch nicht vollständig geklärten Frage nach der Konstanz und der Variabilität diesbezüglicher Kategorien im Lebenslauf.
 

2.2. Die alltäglichen Aktivitäten alter Menschen

Die Häufigkeit der Ausübung alltäglicher Aktivitäten ist bei altern Menschen der jüngerer Menschen ähnlich. Dies gilt jedoch ohne weiteren Beleg zunächst nur für das Ergebnis der Betrachtung der Aktivitäten, die alte wie jüngere Menschen mehr oder weniger häufig, fast täglich, also alle Tage oder alltags ausüben. Dieses Ergebnis zahlreicher Studien ist so alt wie die Freizeitforschung in der Gerontologie ( Schmitz - Scherzer 1974, Tokarski 1991 ). Bei der - wie noch zu zeigen sein wird - undifferenzierten querschnittlichen Betrachtung unterschiedlicher Altersgruppen ist die grosse Ähnlichkeit der Häufigkeitsprofile der alltäglichen Tätigkeiten über alle Altersgruppen hinweg stets zu finden. Abgesehen von sportlichen Betätigungen und einiger oft vor allem den Körper fordernder Tätigkeiten werden fast alle untersuchten ( Freizeit )Aktivitäten ähnlich häufig oder selten in jüngeren, älteren und alten Altersgruppen ab dem frühen Erwachsenenalter ausgeübt. Eine hohe Kompetenz bei der Ausübung von Alltagstätigkeiten ist also bei alten Menschen im Vergleich zu Jüngeren allen bekannten Studien zufolge durchaus gegeben (Schmitz-Scherzer 1995).

Unter der Oberfläche dieser Ähnlichkeit findet sich allerdings eine grosse Differenziertheit und Komplexität bei der näheren Analyse der Alltagsaktivitäten. Dabei zeigt sich, dass das chronologische Alter als die Ausübung von Aktivitäten differenzierendes Merkmal wenig taugt, wohingegen vor allem der Soziale Status (und mit diesem die Schulbildung, die Berufszugehörigkeit, das Einkommen und die Wohnsituation), der Familienstand, die Geschlechtszugehörigkeit und der Gesundheitszustand in diesem Zusammenhang von grösster Bedeutung sind. Alltagsaktivitäten sind deshalb nicht isoliert vom Individuum, seiner Biographie und seiner momentanen Lebenssituation zu betrachten (Tokarski, Schmitz-Scherzer, 1985).

Solange der Gesundheitszustand das vorhandene Aktivitätsniveau und die Erfüllung vorhandener Interessen nicht einschränkt und der soziale Status ausreichende Möglichkeiten und vor allem ein angemessenes finanzielles Polster bereitstellt, sind es die individuellen Interessen und die in der Situation vorhandenen und zusätzlich auch subjektiv als wählbar wahrgenommenen Möglichkeiten, die die Muster der verschiedenen alltäglichen Aktivitäten bei Alt und Jung bestimmen.

Dabei spielen freilich neben zahlreichen anderen Aspekten auch Werthaltungen und Normen, die z. B. Höpflinger anspricht, wenn er feststellt, dass vielfältige "Kontaktbedürfnisse und Erlebnishunger" heute von sehr vielen Senioren "ausgelebt " werden (1997, S. 16), eine Rolle. Dies gilt jedoch auf Grund der herrschenden sozialen Werte, der momentanen Trends und der zur Zeit gültigen Normen für alle Altersgruppen und nicht nur speziell für alte Menschen. Es ist höchstens insofern in der älteren Generation neu, als dass heute grössere Gruppen alter Menschen über die notwendigen Mittel für diesbezügliche Aktivitäten verfügen.

Konkret zeigt sind, dass das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten, Fernsehen, Radiohören, Besuche machen und Besuche empfangen, Spazierengehen und Gartenarbeit sowie Kirchenbesuch die am häufigsten ausgeübten Alltagstätigkeiten sind, hingegen Besuche von Theater, Kino und Konzerten, bezahlte Nebenarbeiten, ehrenamtliche Tätigkeiten, Besuche von Ausstellungen, Museen und Vorträgen sowie Musizieren und Malen eher von wenigen Menschen der heutigen höheren Altersgruppe gepflegt werden.

Im Vergleich zu früheren Untersuchungen lässt sich nur folgern, dass durch das Fernsehen, die bedeutend umfangreichere Ausstattung der Haushalte mit " Freizeitgütern " und die gestiegene Mobilität in der Freizeit, besonders durch die Zunahme des Autobesitzes bestimmte Freizeittätigkeiten wie das Spielen von Gesellschaftsspielen besonders im familiären Kreis Basteln u.ä. zugunsten von Mediennutzung und dem Besuch von Bildungs- sowie kulturellen Angeboten zurückgegangen sind. Generell gesehen ist das Freizeitverhalten beobachtet man die einzelnen Alltagstätigkeiten vielfältiger und mobiler (was u. a. auch an den von vielen alten Menschen gerne und häufig unternommenen Reisen zu erkennen ist) geworden. Dies scheint ein Trend zu sein, der sich in die Zukunft fortsetzen wird.

Die Unterschiede im Alltagsverhalten zwischen Frauen und Männern in dieser Altersgruppe sind durch die unterschiedlichen Sozialisationsprozesse und der damit verbundenen Zuteilung der Geschlechterrollen leicht verständlich. Frauen betätigen sich stärker in allen familienbezogenen Tätigkeiten, gehen häufiger spazieren, lesen häufiger Bücher, machen häufiger Besuche und basteln bzw. handarbeiten mehr als Männer; Männer dagegen beschäftigen sich mehr mit Sammlungen, Gartenarbeit, dem Besuch von Sportveranstaltungen, aktivem Sporttreiben und in politisch gesellschaftlichen Aktivitäten. Diese Geschlechtsunterschiede sind Resultate unterschiedlicher sozialer Rollen. Heute zeigt sich jedoch auch in der älteren Generation eine gewisse Aufweichung dieses rollenspezifischen Alltagsverhaltens, obwohl dies in den vorliegenden Untersuchungen noch nicht sehr deutlich wird.

Besonderen Stellenwert im Alltagsleben auch älterer und alter Menschen haben die Massenmedien, allen voran das Fernsehen und die Zeitungen. Sie füllen bei vielen Menschen dieser Altersgruppe meist mehr als die Hälfte ihrer alltäglichen Freizeit, z.B. beträgt die tägliche Nutzung des Fernsehens bei alten Menschen durchschnittlich fast 3 Stunden. Zusammen mit Familienkontakten und Spazierengehen lasten sie die als disponible Zeit zur Verfügung stehende Zeitspanne gar oft zu 90% aus, übrigens nicht selten verglichen mit früheren Zeiten zu Lasten zwischenmenschlicher Kommunikation, wie sie sich z. B. bei Gesellschaftsspielen, in Gesprächen und in Vereinen ergab.

Die Rolle der Wohnung als Alltagsort lässt sich schon indirekt durch das zuvor Dargelegte klären: Lesen, Radiohören und Fernsehen werden meist in der Wohnung gepflegt, die Gartenarbeit dürfte öfter im am Haus angrenzenden Garten stattfinden und weniger im Schrebergarten, der Spaziergang dürfte im Wohnquartier erfolgen. Besuche, Nähen, Basteln oder ähnliche Tätigkeiten sind ebenfalls stark wohnungsbezogen oder an die Wohnungen der Kontaktpartner gebunden. D.h.: die Vielzahl der Alltagstätigkeiten und damit auch die meiste Zeit verbringen die älteren und alten Menschen in und in der Nähe ihrer Wohnung.

Betrachtet man das ausserhäusliche Aktivitätsmuster alter Menschen fällt auf, dass diese mit zunehmendem Alter in der Regel geringer werden. Das heisst, dass die Wohnung im Alltag eine zentralere Rolle einnimmt, ja, dass sie der Alltagsort schlechthin wird. Alltag ist Wohnalltag (Saup und Reichert 1997). Damit kommt der Wohnung bei der Betrachtung des Alltags alter Menschen ein besonderer Stellenwert zu. So sehr die ausserhäuslichen Aktivitäten mit zunehmendem Alter abnehmen, so sehr nimmt die Wohnung als Alltagsort an Bedeutung zu, so sehr wächst auch die Bedeutung aller verschiedenen wohnungsbezogener Aktivitäten, allem voran der Medienkonsum, die tägliche Hausarbeit und die Aktivitäten des Besuche Empfangens.

Trotz dieses eindeutigen Übergewichts der Wohnung als dem Alltagsort für die ältere Generation schlechthin, darf man die Relevanz der anderen Plätze, wo der Alltag verbracht wird, nicht unterschätzen: Wohnungen anderer (zumeist alter) Menschen, Gärten, Clubs, Vereine, die Natur.

Die meisten Alltagstätigkeiten sind mit Sozialkontakten verbunden oder stellen selbst Sozialkontakte dar. Dies gilt ohne Einschränkungen auch für die ältere Generation. Allerdings ist bei ihr eine stärkere Hinwendung zu familiären Kontakten zu beobachten. Dies kann nicht mit dem höheren Alter erklärt werden, vielmehr scheint es eine Folge der veränderten Situation im Alter überhaupt zu sein: manche Kontaktpartner sterben, der Beruf steht nicht mehr als wesentliche Quelle von Kontaktmöglichkeiten - auch mit jüngeren Menschen - zur Verfügung.

Alltagskompetenz scheint sich stets im Raum der Möglichkeiten abzubilden, die dieser Bevölkerungsgruppe zur Verfügung stehen und ist zudem durch eine in der gerontologischen Forschung vielfach bestätigte Tendenz bestimmt, nämlich der, dass die meisten älteren und alten Menschen dazu neigen, ihre in ihrer Biographie aufgebauten und entwickelten Verhaltens - und - Erlebnisstile möglichst auch im Alter beizubehalten.
 

2.2.1 Alltagsaktivitäten im Ruhestand

Besonders deutlich ist dies bei den Männern mit Eintritt des Ruhestandes und bei den Reaktionen der Frauen dieser Altersgruppe auf eine Entlastung im familiären Bereich durch den Weggang der (erwachsenen) Kinder aus dem Haus zu beobachten: vorhandene Interessen und Erfahrungen bilden die Grundlage für das Alltagsverhalten im Alter auch weiterhin. Insofern bekommt die Kontinuität der Lebensführung einen hohen Stellenwert. Entsprechende Längsschnittstudien belegen dies eindrucksvoll (Schmitz-Scherzer, 1978), u.a. auch durch die Diskrepanzen, die sich zwischen dem tatsächlichen Alltagsverhalten im Ruhestand und den zuvor geäusserten Wünschen für die Zeit des (zukünftigen) Ruhestandes aufweisen lassen: Die Tendenz des realen Verhaltens ist eher im Kontext der Kontinuität mit dem Verhalten vor dem Ruhestand beschreibbar. Nicht selten sind aber auch Erfahrungen und Wünsche, die bei der Ausübung bisheriger Aktivitäten gemacht und erlebt wurden, die Grundlagen für deren Erweiterungen und Ergänzungen, die sich dann als "neue" Aktivitäten konstituieren. Hier spielt nicht selten auch ein beobachtbares exploratives Verhalten alter Menschen in dieser Lebenssituation eine entscheidende Rolle (Saup, 1991). Wünsche und Vorhaben, die weit über die zuvor gezeigten Aktivitätsmuster hinausgehen, werden allerdings sehr selten realisiert.

Mobily et al (1991) meinen in diesem Zusammenhang, dass sich das Aktivitätsrepertoire eines alten Menschen mit einer Bibliothek vergleichen liesse, in der sich die intrinsisch motivierten und oft ausgeübten Tätigkeiten abrufbereit befänden. Allerdings hinge ihre Ausübung von der subjektiv erlebten diesbezüglichen Kompetenz ab und dem Grad der psychologischen Bequemlichkeit, d. h. der Abwesenheit grösserer Barrieren.

Das Leben ohne Berufstätigkeit im Ruhestand - welches heute nicht selten noch 20 Jahre währen kann - stellt eine besondere Herausforderung dar. Es gilt den gesamten Lebensrhythmus umzustellen, den Alltag neu zu gestalten. Dies bringt nicht selten grosse Umorientierungen auch im Wertebereich mit sich. Es lassen sich - freilich sehr grob typologisierend - verschiedene Formen eines Lebens im Ruhestand aufzeigen. Lalive d'Epinay (nach Höpflinger 1997) sieht insgesamt fünf Formen des Lebens im Ruhestand:

Zwar kann man gegen Typisierungen wie die obige gewichtige Argumente ins Feld führen, doch geben sie immerhin erste Orientierungen in einem recht komplexen Feld.
 

2.2.2 Alltagsaktivitäten und Leben im Heim

Es liegt auf der Hand, dass repräsentative Untersuchungen an in sich sehr heterogenen Bevölkerungsgruppen nicht in der Lage sind, die spezielle Situation einzelner Untergruppen zu beschreiben. Deshalb darf im Zusammengang mit den hier vorliegenden Erörterungen nicht übersehen werden, dass sich der Alltag von älteren Menschen dort, wo die zuvor erwähnten Einflussgrössen keine optimalen Ausprägung zeigen, ungleich verschieden darstellt, als bislang aufgezeigt.

So zeigen die Untersuchungen z. B. bei Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern, bei Empfängerinnen und Empfängern von "Essen auf Rädern" sowie bei in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen eine deutlich geringere Anzahl ausgeübter Tätigkeiten. Auch werden dort Sozialkontakte nur in geringerem Masse gepflegt. Langeweile und Unzufriedenheit mit dem Alltag werden in Untersuchungen dieser Personengruppen oft formuliert. Gerade das kumulierte Aufeinandertreffen eines geringeren Sozialstatus., einer belasteten Gesundheit und einer unzureichenden Wohnsituation bei Alleinlebenden (meist Frauen) zeichnet im Vergleich mit dem repräsentativen Querschnitt deutlich reduzierte Alltagstätigkeiten (Schmitz Scherzer, 1975).

Diese Reduktionen können allerdings oft auch auf den starken Einfluss der Umgebung, der Infrastruktur, der Heimorganisation und anderer exogener Einflussvariablen zurückgeführt werden. Dies wird z. B. dann deutlich, wenn der "Heimalltag als Qualitätsprüfstein" betrachtet wird (1987). Eine nicht an den Bedürfnissen der BewohnerInnen und des Personals ausgerichtete Organisation des Heimalltags kann zu schweren Beeinträchtigungen der Lebensqualität der BewohnerInnen (und der MitarbeiterInnen) führen.
 

2.2.3 Alltagsaktivitäten und Bedürfnisse

Die hierzu vorliegenden zahlreichen Einzelbefunde zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein aktiver und vielgestaltiger Alltag eher dort anzutreffen ist, wo ein entsprechender Bildungsstand, eine ausreichende finanzielle Ausstattung, ein guter Gesundheitszustand, eine Wohnung, die die gewünschten Tätigkeiten nicht einengt bzw. verunmöglicht, sowie eine ausreichende Infrastruktur im Wohnumfeld vorhanden sind.

Studien über Freizeitbedürfnisse im Alter kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Freizeittätigkeiten im Alter insbesondere folgende Bedürfnisse erschliessen lassen:

Sind diese Bedürfnisse auf der je individuellen Ebene erfüllt, so findet sich ein hohes Ausmass von persönlicher Zufriedenheit im Bereich der ausgeübten Aktivitäten. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass dort, wo Zufriedenheit im Alltag herrscht, ebenfalls oft auch Zufriedenheit im familiären Bereich zu finden ist. Zufriedenheit mit den eigenen ausgeübten Alltagsaktivitäten kann demnach als wesentliches Element einer allgemeinen Lebenszufriedenheit oder Lebensqualität angesehen werden.

Freizeitbedürfnisse sind Bedürfnisse, die aus der gesamten Lebensgeschichte heraus verstehbar werden, sie weisen Bezüge zum sozialen Kontext eines Menschen, zu seiner Bildung und zu körperlichen Aspekten seiner Existenz auf.
 

2.2.4 Alltagsaktivitäten als Diagnoseinstrument?

Es findet sich noch ein anderer Ansatz zur Beschreibung von Alltagsaktivitäten alter Menschen auf der Basis von Aktivitäten mittels der ADL - Skala und ihre Weiterentwicklungen und Ergänzungen (Brandenburg und Sowinski 1997). Hier ist zunächst einmal zu berücksichtigen, dass die Erfassung der "activities of daily living" in ihrer Begrifflichkeit irre führen.

Es interessiert hier nur die Funktionalität des menschlichen Körpers als Mass seiner Selbständigkeit bzw. Unselbständigkeit. Nichts weiter. Demnach handelt es sich um eine sehr verkürzte Sicht des Alltags bzw. der Alltagsaktivitäten. Erst Lawton und Brody (1969) brachten mit ihrer Erweiterung der ADL Skala durch die sog. PSMS ("Physical Self - Maintenance Scale") und die IADL ("Instrumental Activities of Daily Living") ein wenig mehr vom "eigentlichen" Alltag in diese Diskussion. Dennoch bleibt die zuvor vorgetragene Kritik bestehen: Mitnichten wird hier Alltag in seinen Aktivitätenmustern beschrieben, nur Funktionalität steht im Vordergrund. Besonders bedenklich: die allgemeine Bekanntheit der ADL Skalen und ihrer Varianten haben zu deren grosser Verbreitung geführt und damit zu einer Gefahr der Einengung der gerontologischen Perspektive in der Wissenschaft und der professionellen und ehrenamtlichen Altenarbeit. Der Alltag der alten Menschen jedenfalls ist mit diesen Ansätzen nicht beschreibbar und der Name dieser Skalen irreführend.

 

Literatur


Brandenburg, H. und Sowinski, C.: Alltagsaktivitäten - Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verständnis zwischen Gerontologie und Pflege. In: Z. Gerontol Geriat 29, Steinkopff Verlag, Darmstadt 1996, 387 - 396

Elias, N. : Zum Begriff des Alltags. In : Hammerich, K. und M. Klein ( Hrsg. ) : Materialien zur Soziologie des Alltags. Kölner Zeitschrift zur Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 20, 1978, 22 - 29

Heimalltag als Qualitätsprüfstein. Reihe Vorgestellt, 36, Köln, 1987

Honig, M. - S. : Kritik des Kinderalltags. In: Grunwald, K. u. a. : Alltag, Nichtalltägliches, und die Lebenswelt. Juventa, Weinheim und München 1996, S.19 - 26

Höpflinger, F. : " Fays ce que vouldras." Freizeitgestaltung und Aktivitäten nach der Pensionierung. In: NZZ, Nr 148, 1997

Lawton, M. P. and E. Brody: Assessment of older people: Self maintenance and instrumental acxtivities of daily Living. In: The Gerontologist, 9, Wasington 1969, S. 179 - 185

Lehr, U.: Psychologie des Alterns, Quelle & Meyer,Heidelberg,1983

MAGS Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung Baden Württemberg: Die Lebenssituation älterer Menschen. Stuttgart, 1983

Mobily, K. E. , Lemke, J. H. und Gisin, G. J.: The idea of leisure repertoire. In: J. of applied Gerontology, 10, 2, 1991, S. 208 - 223

Opaschowski, H.W.: Tourismusforschung. Leske und Budrich, Opladen,1989

Plattner, E.: Zeitbewusstsein und Lebensgeschichte. Asanger,Heidelberg, 1990

Pauleickhoff, R. : Die Rolle des Tageslaufs in der Persönlichkeits- und Ganzheitspsychologie. In: Archiv für die gesamte Psychologie 117, 1965, 67 - 77

Thomae, H.: Das Individuum und seine Welt. Göttingen, Hogrefe 1968

Thomae, H.: Das Individuum und seine Welt. 3. Auflage, Göttingen, Hogrefe 1996

Saup, W. uns M. Reichert: Die Kreise werden enger. Wohnen und Alltag im Alter. Funkkolleg Altern, Studienbrief 6, Studieneinheit 15, DIFF, Tübingen 1997,4 - 41

Schmitz - Scherzer, R. : Alter und Freizeit. Stuttgart, Kohlhammer 1974

Schmitz Scherzer, R.: Konstanz und Veränderungen im Freizeitverhalten älterer und alter Menschen. In: actuelle Gerontologie, 7, 1978, S. 325 341

Schmitz - Scherzer, R. : Der Alltag im Alter. In: Der Bürger im Staat. 45. Jahrg., Heft 4, November 1995, S. 182 - 185

Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1985. Stuttgart, 1985

Straka, G.H. et al. (Hrsg.): Aktive Mediennutzung im Alter. Asanger, Heidelberg, 1990

Thiersch, H. : Lebensweltorientierte soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Weinheim und München 1992

Straka, G. H. et al. (Hrsg.): Aktive Mediennutzung im Alter. Asanger, Heidelberg, 1990

Tokarski, W., Schmitz Scherzer, R. : Freizeit. Teubner, Stuttgart, 1985

Tokarski, W. : Freizeitgestaltung. In : Oswald, H. D. : Gerontologie. 2. Aufl.. Kohlhammer, Stuttgart 1991, S. 158 - 167

Vester, H.G.: Zeitalter der Freizeit. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988